Full text : Unser Preußen.

2  Erster  Zeitraum.

Genügsamkeit  und  Fleiß,  Wahrheitsliebe  und  Gastfreundschaft  aus.  Sie  wohnten
in  Dörfern  und  Stödten,  welche  von  hufeisenförmiger  Befestigung  mit  nur
einem  Eingange  umgeben  waren.  Der  Name  für  solche  Befestigung,  Gard,
findet  sich  noch  in  mehreren  Städtenamen,  so  in  Stargard  und  Belgard  in
Hinterpommern.  Außer  Ackerbau  und  Viehzucht  trieben  sie  regen  Handel.
Mittelpunkt  desselben  war  Julin  (Wolin  oder  Vineta)  mit  trefflichem,  vielbesuchtem
  Hafen,  der  300  Schiffe  bergen  konnte.  Nicht  nur  slavische,  sondern
auch  deutsche,  nordische  und  selbst  oströmische  Kaufleute  erschienen  dort,  um
gegen  Erzeugnisse  ihrer  Heimat  wendische  Leinwand,  preußischen  Bernstein
und  russisches  Pelzwerk  einzutauschen.  Nachdem  diese  reiche  Handelsstadt  1175
von  den  Dänen  ausgeplündert  und  fast  zerstört  worden  war,  vermochte  sie
sich  nicht  wieder  zu  erholen;  ihr  Handel  zog  sich  mehr  und  mehr  nach  Stettin.

Etwa  200  Jahre  lang  bestand  zwischen  den  Wenden  und  ihren  westlichen
  Nachbarn,  dem  deutschen  Stamme  der  Sachsen,  der  das  Land  zwischen
Unterelbe  und  Rhein  bewohnte,  wohl  ein  friedliches  Verhältnis;  ja  die  Wilzen
leisteten  den  Sachsen  im  Kampf  gegen  den  Frankenkönig  Karl  den  Großen
Beistand,  während  die  Obotriten  mit  den  Franken  verbündet  waren.  Nachdem
Karl  die  Sachsen  besiegt  hatte,  richtete  er  seine  Waffen  auch  gegen  die  Wenden.
Ein  gegen  die  Sorben  bestimmtes  Heer  wurde  unterwegs  von  den  Sachsen
vernichtet;  aber  nach  Bestrafung  der  Sachsen  überschritt  Karl  789  die  Elbe
und  unterwarf  mit  Hilfe  der  Sachsen,  ja  selbst  der  Obotriten  und  Sorben
die  Wilzen.  Zum  Schutze  gegen  die  Wenden  errichtete  Karl  auf  dem  eroberten
  Boden  starkbefestigte  und  wohlverteidigte  Marken,  die  von  einer
stehenden  Kriegsmannschaft  unter  dem  Oberbefehl  von  Markgrafen  verteidigt
wurden.  Aus  den  von  diesen  angelegten  Befestigungen  sind  die  Städte  Halle
und  Magdeburg  erwachsen.

Trotz  wiederholter  Empörungen  der  Wenden  hielt  Karl  der  Große  seine
Oberherrschaft  über  sie  aufrecht;  aber  unter  seinen  schwachen  Nachfolgern  schüttelten
  sie  nicht  nur  die  fränkische  Herrschaft  ab,  sondern  drangen  sogar  erobernd
über  die  Elbe  vor,  so  daß  ihre  Westgrenze  seitdem  durch  eine  Linie  bezeichnet
wurde,  welche  von  Kiel  über  Lüneburg  an  Stendal  vorbei  bis  zur  Elbe
lief,  dann  diesen  Fluß  hinauf  bis  zur  Saalemündung  und  endlich  die  Saale
aufwärts  sich  hinzog.  Aber  inzwischen  hatten  die  Sachsen  sich  dem  Christentum
zugewandt,  auch  erwachte  nach  der  Neugründung  des  deutschen  Reichs  durch
Heinrich  I.  (919—936)  mehr  und  mehr  das  deutsche  Volksbewußtsein,  und
der  dadurch  sich  verschärfende  Gegensatz  zwischen  Wenden  und  Deutschen  führte
zu  einem  jahrhundertlangen  Kampfe,  der  von  Geschlecht  zu  Geschlecht  erbitterter
wurde  und  endlich  mit  völliger  Unterwerfung  der  Wenden  endete.  Anfangs
übernahmen  die  Sachsen  allein  diesen  Kampf;  die  in  die  heutige  Altmark
eingedrungenen  Stämme  wurden  über  die  Elbe  zurückgedrängt.  Als  Heinrich
ein  tüchtiges  Kriegsheer  gegen  die  Ungarn  geschaffen  hatte,  führte  er  es  zunächst
  gegen  die  Wenden,  um  es  im  Kampfe  mit  ihnen  zum  Krieg  mit  dem
gefährlicheren  Feinde  tüchtig  zu  machen.  Er  wandte  sich  gegen  die  Heveller,
die  an  beiden  Seiten  der  Havel  und  an  der  unteren  Spree  wohnten,  besiegte
sie  wiederholt  und  zwang  ihre  Hauptfestung  Brennaburg  (928)  durch
„Hunger,  Eisen  und  Frost“  zur  Unterwerfung.  Während  er  selber  dann