Die Entwicklung der spanischen Frage 1867— 1868.
Isabella war, zu setzen, geneigt waren, denn die Dekorierung des Marschalls ist unterblieben.
Auch als Wertherns Nachfolger, Freiherr v. Canitz, sie im Juni und Dezember 1867 von neuem anregte,
wurde sie zwar von Bismarck in einem Schreiben an den Chef des Militärkabinetts
v. Tresckow vom 18. März 1868 befürwortet; jedoch sah der Kanzler davon ab, persönlich beim
Könige für die Verleihung einzutreten, was kaum dafür spricht, daß er geneigt war, dem weit ausschauenden
Gedankenfluge Wertherns zu folgen. Der am 23. April 1868 erfolgte Tod des
Marschalls hat es im übrigen nicht mehr zu dessen Dekorierung kommen lassen.
Wenn in der Haltung König Wilhelms und Bismarcks gegenüber den Ordenswünschen des
Marschalls Narvaez auch eine Stellungnahme gegen das entartete, noch dazu Preußen nichts weniger
als freundlich gesinnte Bourbonenkönigtum durchblicken mag, so darf daraus noch nicht der Schluß
gezogen werden, daß sie den sich vorbereitenden Sturz Isabellas zu fördern oder zu beschleunigen
gesucht hätten. An dem im Juli 1868 von dem italienischen Gesandten in Berlin Graf Launay
auf Grund von Mitteilungen seines Madrider Kollegen zur Sprache gebrachten, bald auch in
die französische Presse übergegangenen Gerücht (vgl. dazu A. Stern, Geschichte Europas, X, 288 f.),
daß der nach der spanischen Königskrone lüsterne orleanistische Herzog von Montpensier einen
ehemaligen spanischen Diplomaten nach Berlin gesandt habe, um die preußische Regierung mittels
eines Bündnisangebots für den Fall eines deutsch=französischen Krieges zu einer Unterstützung
seiner Kandidatur zu vermögen, ist so viel richtig, daß der im Januar 1867 aus Berlin abberufene
spanische Gesandte Nances y Villanueva, der in der Tat ein Anhänger des Herzogs von
Montpensier war, sich im Winter 1867/68 wieder einige Zeit in Berlin aufgehalten hat. König
Wilhelm I., dem Abeken am 16. Juli 1868 das sich an die angebliche Mission Nances' knüpfende
Gerede zur Kenntnis brachte — dem in Varzin weilenden Kanzler scheint eine Mitteilung überhaupt
nicht gemacht worden zu sein —, wollte darin jedoch nur eine „böswillige Verdächtigung“
sehen; er habe wohl, so sagte er, „mannigmal im letzten Winter mit Herrn Nances gesprochen —
nie ein Wort über Politik, und nie sei die leiseste Andeutung von diesem gefallen, daß er einen
Auftrag von irgendeiner Seite habe, auch Graf Bismarck habe niemals erwähnt, daß ihm gegenüber
von etwas derartigem je die Rede gewesen“ (Abeken an Thile, 17. Juli 1868). Als darauf
im Auftrage des Königs ein kategorisches Dementi in Madrid erfolgte, gab der spanische
Staatsminister Marquis de Noncali dem preußischen Vertreter zu erkennen, „das spanische
Kabinett habe die Nachrichten von angeblichen Schritten Montpensierscher Agenten in Berlin
zur Unterstützung für ihre Zwecke stets für bloße Erfindung gehalten, sei übrigens in dieser
Beziehung auch immer ruhig gewesen, da es die volle Loyalität der Regierung Sr. Majestät
des Königs kenne und die Überzeugung gehabt habe, alle etwaigen derartigen Annäherungsversuche
würden von derselben einfach zurückgewiesen sein“ (Bericht des Geschäftsträgers Freiherrn
v. Saurma vom 8. August). Den sich im Herbst 1868 mit der Entfernung der Königin
Isabella vollziehenden Sieg der spanischen Revolution mag König Wilhelm I. vom monarchischen
Standpunkt aus bedauert haben; vom Standpunkt der preußischen politischen Interessen aber
konnte er nur begrüßt werden, denn der Sieg der Revolution bedrohte die innere Konsistenz des
angrenzenden kaiserlichen Frankreichs. „Siegt die Republik in Spanien, dann folgt sie auch
bald in Frankreich, und diese würde eine geringere Gefahr für die Entwicklung Deutschlands
sein als heute die Napoleonische Dynastie“, so schrieb am 30. Oktober, ganz im Bismarckischen
Sinne, Fürst Karl von Rumänien an Kronprinz Friedrich Wilhelm (Aus dem Leben König Karls
von Rumänien, I, 300). Solange das politische Vakuum in Spanien andauerte, konnte Napoleon,
dem mit Isabellas Sturz ein sicherer Rückhalt verloren gegangen war, etwaigen kriegerischen
Gelüsten gegen Preußen kaum freien Lauf lassen. Bismarck selbst hat es am 3. Oktober 1868
(vgl. Bd. VI a, Nr. 1186) offen ausgesprochen: „In unserem Interesse liegt es, daß die spanische
Frage als Friedens=Fontanelle offen bleibe, und eine Napoleon angenehme Lösung ist schwerlich
die für uns nützliche.“ Im preußischen Interesse lag es also, sobald die Entwicklung einer Lösung
entgegendrängte, nur eine solche zu begünstigen, die Napoleon weniger angenehm sein mußte, so
etwa die orleanistische Kandidatur Montpensiers oder auch ein republikanisches Regime. Eine
Kandidatur des Erbprinzen von Hohenzollern, auf die damals schon in der Presse, merkwürdigerweise
gerade in bayrischen Blättern hingewiesen wurde — sollte nicht der ein wenig zu Extratouren
neigende Freiherr v. Werthern dabei seine Hand im Spiel gehabt haben? — oder gar
eine Kandidatur des Prinzen Friedrich Karl von Preußen, für welche der im Oktober 1868
Spanien bereisende Generalkonsul a. D. Schramm Stimmung zu machen sich bemühte (Schreiben
Schramms an Bismarck vom 20. Oktober), hätte zunächst für Preußen mehr Gefahr als Chance
bedeutet, konnte demnach in Bismarcks Erwägungen noch keinerlei Rolle spielen. Bernhardi,
der schon im Dezember 1868 von Bismarck ausersehen wurde, wie im Jahre 1866 nach Italien,
so jetzt nach Spanien zu gehen, „um die militärischen Ereignisse zu beobachten, deren Schauplatz
Spanien werden könnte“ (Aus den Tagebüchern Th. v. Bernhardis, VIII, 374), stellte noch
kurz vor seiner im April 1869 erfolgenden Abreise fest (a. a. O., VIII, 404), daß man in den Berliner
amtlichen Kreisen „ganz im allgemeinen“ keine große Neigung zu abenteuerlichen Unternehmungen
spüre, an den durch die Erwählung des Prinzen Karl von Hohenzollern, des jüngeren
Bruders des Erbprinzen Leopold, zum Fürsten von Rumänien entstandenen Schwierigkeiten
genug und übergenug habe und demnach nicht einmal mehr Wert darauf lege, daß Fürst Karl
Herr von Rumänien bleibe. Obendrein stand Bismarck, der, wenn eine spanische
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