Full text: Bismarck Die gesammelten Werke. Band 6b. (6b)

82 England will zur Einweihung des Jadehafens ein Kriegsschiff entsenden. 
Hlische Regierung völlig in Ungewißbeit und selbst in Unruhe über seine künftige Haltung in 
der spanischen Thronfolgefrage ließ, dabei aber doch gegenüber dem Botschafter in dieser ganzen 
Seit deutlich zeigte, daß idm daran gelegen sei, die freundlichsten Deziehungen zu Frankreich zu 
unterhalten (ogl. daju Benedettis ersten Bericht vom 11. Mai, Les Origines Diplomatiqueg, 
k 284 S.), bielt er sich auf der so oft erkennbaren Grundlinie seines Verhältnisses zu Srank- 
reich, die dahin ging, dieses zu einer gütlichen Verständigung in der deutschen Srage zu stimmen. 
Vertraulich. Berlin, den 11. Mai 1869. 
Herr Benedetti hat mich nach seiner Rückkehr aus Paris am 8. d. M. besucht, um mir 
leine dort empfangenen Eindrücke mitmteilen. Er sprach sich in durchaus friedlichem und zu- 
versichtlichem Tone über die ganze Situation aus; und das einzige, was ihn zu präokkupieren 
schien, war die Srage, ob Preußen etwa den Spaniern einen König geben werde. Sch behan- 
delte diese Frage mehr scherzweise und erzählte ihm, daß allerdings von einer Seite her neulich 
bei der Sürstlich Hohenzollernschen Familie Sondierungen stattgefunden hätten, ob der Erbprinz 
wohl Lust hätte, die Krone anzunehmen, daß aber sowohl dieser selbst als sein Herr Vater sich 
ablehnend geäußert hätten, und daß Seine Maojestät der König, als er dies binterher erfahren, 
geäußert habe: er begreife das Jehr wohl“. 
Herr Benedetti versicherte mich — was ich in Bezug auf den Schlußfsatz Ihres gefälligen 
vertraulichen Berichtes Mr. 140 vom 6. d. M. noch besonders bemerke — daß in betreff seines 
Postens in Berlin an einen Wechsel nicht gedacht werde. 
Auszjugsweise bei A. Stern, Geschichte Curopas jeit den Verträgen von 1815. X, 545. 
*1390. Immediaibericht. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Rats von Keudell.] 
Am 10. Mai hatte Graf Vermorkf gemeldet, daß die englische Regierung die Absicht 
habe, m der ursprünglich auf den 27. Wai ongesecztten, dann aber auf den 17. Juni verschobenen 
seierlichen Einweihung des neuen Kriegsbafens an der Jade, an der auch König Wilbelm I. 
und Bismarck teilnehmen wollten, ein englisches Kriegsschiff zu entlenden. Am gleichen Cage 
kündigte auch Lord Lostus dem Unterstaatssekretär v. Thile die Absicht der englischen 
Regierung an. VNach Lord Clarendons Mitteilungen zu dem französischen Botschafter Sürst 
La Tour d'Auvergne vom 10. Mai (Les Origines Diplomatiques, V, 280 f.) wäre die 
Anregung zu der Entsendung des Kriegsschiffs von Preußen ausgegangen; indessen stellte 
Benedetti durch MAüchfragen bei fseinem Michen Kollegen, Lord Loftus, (ogl. seine Tele- 
gramme vom 17. und 26. MWai, a. a. O., XXIV, 302, 332 f.) fest, dabß dieser selbst, nachdem die 
Irage in dem Schriftwechsel wwischen der Königin Victoria von ECngland und ihrer Tochter, 
der Kronprinzessin Sriedrich Wilbelm berübrt worden war, sie bei Lord Clarendon angeregt 
batte, und wwar mit dem Hinweis, dah die englischen Schiffsoffipiere auf diese Weise die Mög- 
lichkeit gewinnen würden „de recueillir sur les lieux“ — nämlich in dem neuen Kriegshafen — 
tous les renselgnements desirés par IAmirauté!“. Nachträglich hat Lord Clarendon selbst 
b#em Sürsten La Tour gestanden, daß die englische Admirolität von sich aus den Entschluß gefaßt 
habe, ein Kriegsschiff zur Cröffnung des neuen Hafens zu dem Zwecke zu entsenden, rde pouvolr 
apprecler I’iImportance et la valeur des travaux accomplis à Ja Jade“, und daß somit 
die Initiative zu diesem „acte de courtoisie“ bis zu einem gewissen Grade tatsächlich von 
England ausgegangen sei. Bericht Fürst La Tour d’'Auvergnes vom 28. Mai, Les Origines 
Diplomatiques, XXIV, 335. 
Berlin, den 12. Mai 1869. 
Die Absicht der englischen Regierung, aus Anlaß des bevorstehenden Besuches Eurer 
Königlichen Majestät im Jadehafen ein Kriegsschiff (Warrior) dorthin zu lenden, ist nunmehr 
auch vom hiesigen englischen Botschafter gesprächsweise erwähnt und dabei angedeutet 
1 Aäberes darüber bei A. Stern, Geschichte Kuropas, X, 227. 
7. 2 
des Sol Verichts vom 6. Wai trug sich der französische Botschafter in 
adrids hoen Schlusa F Solmeschen, Verstung nach Berlin.