Volltext : Geschichte der Deutschen Frauenwelt. Zweiter Band. (2)

Rokoko.  207

die  logische  Folge  jener  furchtbaren  politischen  und  socialen
Verderbniß,  welche  schon  in  den  letzten  Regierungsjahren
Friedrichs  des  Zweiten  den  scharfbeobachtenden  Mirabeau
den  preußischen  Zuständen  „Fäulniß  vor  der  Reife“  zuschreiben
  ließ,  einer  Verderbniß,  welche  dann  unter  dem
Regiment  einer  Gräfin  Lichtenau,  eines  Wöllner  und
Bischofswerder  eine  so  allseitige  Vollendung  gefunden
hatte,  daß  ein  Beispiel  häuflicher  Tugend  und  Sitte,  wie
es  Friedrich  Wilhelm  der  Dritte  und  Luise  gaben,  nicht
dagegen  aufzukommen  vermochte.

Es  hätte  aber  auch  gradezu  wunderbar  zugehen
müssen,  wenn  die  demoralisirenden  Wirkungen,  welche
die  nach  französischem  Muster  in  den  höfischen  und  aristokratischen
  Kreisen  Deutschlands  so  ziemlich  das  ganze
Jahrhundert  hindurch  heimische  Fassung  und  Führung

entfremdet,  hat  es  am  weitesten  unter  allen  in  der  Genußffertigkeit
gebracht.  Sie  treten  alles  mit  Füßen,  diese  privilegirten  Stören-=friede,
  was  sonst  heilig  genannt  wurde,  Religion,  eheliche  Treue,
alle  Tugenden  der  Häuflichkeit.  Ihre  Weiber  selbst  sind  unter
ihnen  Gemeingut  geworden,  die  sie  verkaufen  und  vertauschen  und
sich  wechselsweise  verführen.  Kein  ehrlicher  Bürgersmann,  kein
solider  Civilist  kann  ein  Weib  mehr  bekommen,  was  jene  Schmeißfliegen
  nicht  schon  verunreinigt  hätten  oder,  wenn  sie  unschuldig  in
den  Ehestand  trat,  nicht  zu  beflecken  suchten.“  Diese  herbe  Auslassung
  urtheilt,  wie  man  sieht,  in  Bausch  und  Bogen  ab,  ohne
auf  Ausnahmen  von  der  Regel  Rücksicht  zu  nehmen.  Aber  wie
moralisch  versumpft  die  berliner  Gesellschaft  zur  Zeit,  wo  „Ruhe
die  erste  Bürgerpflicht"  war,  gewesen  sein  muß,  verräth  schon  der
Umstand,  daß  auf  diesem  Boden  eine  Erscheinung  wie  die  Giftmischerin
  Ursinus  gedeihen  konnte.