Oberstrichterliche Entscheldungen. 91
würden (Glück Bd. 36 S. 64 ff.; Seuffert, Pand.
§ 664 Note 5a; Windscheid Bd. 2 8 586 Note 15;
Dernburg Bd. 3 § 156 Nr. 4). Daß jene L. 8 von
älteren Practikern sowie in einzelnen Particulargesetzen
(z. B. Bayr. LR. von 1756 Thl. III Cap. 8 8 16) auf
jeden Schenker, welchem nach der Schenkung Kinder geboren
werden, ausgedehnt wurde, ist richtig. Es mag
sich auch in einzelnen Gegenden eine bezügliche Praxis
gebildet haben. Wenn aber das Berufungsgericht ein
bezügliches allgemeines deutsches Gewohnheitsrecht behauptet,
so fehlt es hiefür an einem genügenden Beweise.
Es nehmen zwar Puchta, Holzschuher, Dernburg,
auf welche sich die Vorinstanz beruft, eine constante gemeinrechtliche
Praxis für das Recht des Schenkungswiderrufes
wegen nachgeborener Kinder an, und auch
Regelsberger (Pand. Bd. 1 S. 618) bezeichnet diese
Praxis als eine allgemein eingebürgerte. Mit Unrecht
aber beruft sich die Vorinstanz auch auf Windscheid,
welcher (§ 367 a. E.) bemerkt, daß das fragliche Recht
zwar nach einer sehr verbreiteten Meinung angenommen
werden soll, welcher aber diese Annahme (Note 22) mit
dem Beifügen verwirft, daß ein eigentliches Gewohnheitsrecht
schwer nachzuweisen sein möchte. Savigny (System
Bd. 4 S. 229 n. h.) bemerkt nur, daß die Practiker die
Ausdehnung der L. 8 vertheidigen. Nach Wächter
(Pand. Bd. 2 § 196 S. 434) und Bekker (Dogmatik
des heutigen Pand.-R. Bd. 2 § 103 Note k) fehlt ein
Nachweis der angeblich gemeinrechtlichen Gewohnheit.
Auch Mühlenbruch (Glück Bd. 36 S. 67) bestreitet
einen bezüglichen allgemeinen Gerichtsgebrauch, und betont
hiebei, daß die Berufung auf Praxis und Gerichtsgebrauch
sich bei unseren juristischen Schriftstellern häufig
genug finde, ohne daß man es mit dem Beweise eben
genau nehme. Diese letztere Bemerkung scheint wohl auch
zuzutreffen bezüglich der Verweisung bei Holzschuher
(Bd. 3 § 262 Ziff. 6) auf Hagemann's pract. Erör.