82 Die außerordentliche Session 1878.
gewollt hat, so wird dasfenige, was ihm gegenübersteht, aus dem
„Pofitiven“ etwas „Negatives“. Er selbst aber bleibt immer der
„Pofitive". — Ich kam auch auf die Bennigsensche Rede zu sprechen.
Die Nationalliberalen seien bei den Wahlen viel schlechter behandelt
worden als die Fortschrittspartei. Wir sind vielleicht mehr daran
gewöhnt, darum haben wir es nicht so empfunden. Wenn die
Nationalliberalen trotzdem von dem Standpunkt ihrer früheren
Meinungen so weit zurückkommen, dem Reichskanzler so weit entgegenkommen,
so find einige freundliche Worte doch das Wenigste,
worauf sie Anspruch machen können. Bei der Bennigsenschen Rede
komme alles darauf an, welche Worte man unterstreicht. Mir scheint,
daß, wenn ein Freier so heißwerbend auftritt wie der Reichskanzler,
und die Braut spricht dann von der notwendigen Erhaltung der
Selbständigkeit, die Verlobungsanzeige noch etwas verfrüht ist.
Indes die Verhältnisse der Parteien unter einander und zum Reichskanzler
werden sehr bald klar werden. Das Sozialistengesetz
ist noch ein Vorspiel, die eigentliche Entscheidung fällt
in die nächste Frühjahrssession, wo die Geldfrage zur Erscheinung
kommt. Die Auflösung zielt über das Sozialistengesetz
hinaus auf die weitere politische Entwickelung. In der nächsten
Session wird es sich scharf zeigen, was liberal und was konservativ
ist. Hoffentlich wird diese Situation alle liberalen Elemente einig
und gerüstet finden.
Der Krouprinz.
In engeren parlamentarischen Kreisen war in dieser Zeit das
Verhalten des Kronprinzen, welcher noch bis Dezember als Stellvertreter
seines Vaters die Regierung führte, vielfach Gegenstand
der Erörterung. Mir erzählte Schulze-Delitz sch, daß der Kronprinz,
welcher ihn während dieser Zeit empfangen hatte, die
Außerung zu ihm gethan habe, Fürst Bismarck habe sich
früher viel zu sehr mit Lassalle und den Sozialdemokraten
eingelassen. Vielleicht hotte Fürst Bismarck von ähnlichen
Außerungen des Kronprinzen Kenntnis erhalten und mir
deshalb einige Anspielungen auf dieses frühere Verhalten gegenüber
Lassalle besonders verübelt. Stauffenberg erzählte seinem
Fraktionsgenossen Hölder nach dessen Tagebuch am 18. September,
der Kronprinz habe ihm gesagt, wir (die Nationalliberalen) sollten
nur so handeln, daß die Schuld eines etwaigen Scheiterns nicht
auf uns (die Nationalliberalen) gewälzt werde. Zu Forckenbeck
hat nach Stauffenbergs Mitteilung an den Fraktionsgenossen
Römer der Kronprinz gesagt: „Auf Sie verlasse ich mich vor
allem in diesen schweren Zeiten.“ Der Kronprinz habe Statthalter
von Elsaß-Lothringen und Stauffenberg alsdann dessen
Minister werden sollen.