354 Fünftes Kapitel.
Entscheidung. Was der Kaiser erwartet hatte, geschah: König Wilhelm
blieb klar und bestimmt bei seiner Ablehnung. Er schrieb:
„Durchlauchtigster, Großmächtigster Fürst,
besonders lieber Bruder und Freund!
Ew. Majestät haben in Gemeinschaft mit Unseren erhabenen Bundesgenossen,
den in Frankfurt versammelten deutschen Fürsten und freien
Städten, die erneute Einladung an Mich gerichtet, welche Se. Majestät
der König von Sachsen die Güte gehabt hat, Mir unter mündlichen Erläuterungen
zu überbringen, und beehre Ich Mich, nach sorgfältiger und
bundesfreundlicher Erwägung des Inhalts derselben, darauf in Folgendem.
zu erwidern.
„In Meinem Schreiben vom 4. d. M. habe Ich SEw. Moajestät
neben Meiner Bereitwilligkeit, zu zeitgemäßen Derbesserungen der Bundesverfassung
mitzuwirken, zugleich die Überzeugung ausgesprochen, daß ein
solches Werk nicht ohne eingebende Dorarbeiten mit einer Susammenkunft
der Souveräne begonnen werden könne, wenn der beabsichtigte
Erfolg erreicht werden solle, und Ich habe deshalb zu Meinem Bedauern
Ew. Majestät Einladung, Mich am 16. d. M. zur Dersammlung nach
Frankfurt zu begeben, ablehnen müssen.
„So ungern Ich auch der wiederholten, in ihren Formen für Mich
so ehrenvollen Sinladung Mich versage, so ist doch Meine Überzeugung
auch heute noch die, welche Meine Erklärung vom 4. geleitet hat, und
beharre Ich bei derselben um so mehr, als Ich auch jetzt noch keine
amtliche Mitteilung der der Beratung zu Grunde gelegten Anträge erhalten
habe, dasjenige aber, was auf andern Wegen zu MWMeiner Kenntnis
gelangt ist, Mich nur in der Absicht bestärkt, Aleine Entschließungen
erst dann festzustellen, wenn durch geschäftsmäßige Bearbeitung der Angelegenheit
von seiten Meiner Räte die zu erörternden Abänderungen.
der Bundesverfassung in ihrem Derhältnisse zu der berechtigten Macht—
stellung Dreußens, zu den berechtigten Interessen der Nation, eingehend
geprüft sein werden. Jch bin es Mleinem Lande und der Sache Deutschlands
schuldig, vor einer solchen Prüfung der einschlägigen Fragen keine
Mich bindenden Erklärungen gegen Meine Bundesgenossen abzugeben;
ohne solche aber würde Meine Teilnahme an den Beratungen nicht ausführbar
sein.
„Diese Erwägung wird Mich nicht abhalten, jede Mitteilung, welche
Meine Bundesgenossen an Mich werden gelangen lassen, mit der Bereitwilligkeit
und Sorgfalt in Erwägung zu zieben, welche Ich der