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Das dritte Werkzeug Altensteins war Professor Lachmann,
dessen Stimme bei Ernennungen für die philologischen Fächer
entschied. Ihm lag es ob, den Geist durch den Buchstaben zu
tödten. Indem er aber die sog. exacte Wissenschaftlichkeit und
„reinliche Forschung“ zum alleinigen Kriterium machte, verstand
er darunter nur die Silbenstecherei, das Herumklauben an der
Schaale, das Federlesen und die Kümmelspalterei, das Vergessen-
machen der Hauptsache über Nebensachen, das stupide dder auch
absichtliche Verleugnen des Geistes, des wesentlichen Inhalts und
der Bedeutung alter Sprachdenkmale. Sofern damals bei der
studirenden Jugend die Freude an den altdeutschen Dichtungen
und sonderlich an den Nibelungen mit der patriotischen Begei-
sterung Hand in Hand ging, machte es sich Lachmann zu einer
Hauptaufgabe, diese Begeisterung lahm zu legen, indem er das
herrliche Lied, unser ehrwürdiges Nationalepos, für eine bloße
Zusammenstoppelung von Bänkelsängerliedern erklärte. Sein
Pedantismus war kein unschuldiger gelehrter Zopf, sondern
diente einer schlechten Politik und pflanzte sich leider auf zahl-
reiche, allein von ihm begünstigte Schüler fort, so daß heute
noch seine Manier, an der Schaale herumzuklauben und den
Kern zu vergessen, fortlebt. Mit diesem philologischen Pedantis-
mus verband sich, wie bei dem Anhang Humboldts und Hegels,
ein ungeheurer Schulhochmuth, ein unberechtigtes Herabsehen
auf andere Disciplinen und Schulen, jene Arroganz und Ber-
liner Windbeutelei, die als eine der vielen Karikaturen der Re-
staurationsperiode sprichwörtlich geworden ist und bei allen ver-
nünftigen Leuten die Verachtung gefunden hat, die ihr von
Anfang an gebührte.
Der vierte Handlanger Altensteins war Diesterweg, der
Generalschulmeister in Preußen, der das ganze Volksschulwesen
unter sich bekam. Altenstein schien mit diesem Diesterweg nur
ganz unbefangen das Wirken Pestalozzis und Fichtes, die da-