Full text : Lesebuch zur Geschichte Bayerns.

56.  Würzburg,  die  alte  Bischofsstadt  am  Main.  295

eine  steinerne  Chronik  des  Hochstifts  muten  sie  den  Beschauer  an.  Und  da
trat  dann  gegen  Ende  des  15.  Jahrhunderts  jener  Meister  auf,  der  Würzburgs
Namen  in  der  deutschen  Kunstgeschichte  wie  wenige  verewigt  hat,  Tilman

Riemenschneider.  Seiner  Geburt  nach
ein  Westfale  war  er  in  früher  Jugend
nach  der  fränkischen  Bischofsstadt  gekommen,
  die  ihm  zur  zweiten  Heimat
werden  sollte;  in  ihren  Mauern  entwickelte
sich  sein  ganzes  künstlerisches  Wirken  und
sie  darf  ihn  darum  mit  Recht  den  Ihrigen
nennen.  Es  sind  meistens  Gegenstände
aus  dem  Bereich  religiöser  Darstellung,  in
denen  sich  sein  Schaffen  bewegt;  ergreifende
Darstellungen  des  gekreuzigten  Heilands,
liebliche  Madonnen=  und  Heiligengestalten
verschiedenster  Art;  sodann  die  meisterhaften
  Grabdenkmäler  der  Bischöfe  Rudolf
von  Scherenberg  und  Lorenz  von  Bibra
im  Dom  und  des  Schottenabtes  Johannes
Trithemius  und  vor  allem  sein  eigentliches
Meisterwerk,  das  Grabmal  des  Keiserpaares
  Heinrich  und  Kunigunde  im  Bamberger
  Dom.  Jenes  tiefinnerliche  religiöse
Gefühl,  wie  es  sich  in  engem  Zusammenhang
  mit  der  Literatur  der  Mystiker  gerade
in  Deutschland  in  so  hervorragender  Weise
herausgebildet  hatte,  fand  in  diesem  fränkischen
  Meister  einen  seiner  sinnigsten  Vertreter
  im  Reiche  der  Kunst;  eine  Stimmung,
  die  sich  vor  allem  in  der  edlen,
zarten  Gesichtsbildung  und  den  zierlichen
Händen  verkörpert  zeigt,  und  dabei  noch
als  eigenartiges  Merkmal  ein  Zug  sinnender
  Wehmut.  Riemenschneiders  Formenwelt
  ist  noch  ganz  die  der  ausklingenden
Gotik;  allein  er  gehört  doch  auch  wieder
zu  jenen  Meistern,  die  unwillkürlich  auch
von  einem  mächtigen  neuen  Zuge  ergriffen

 

Das  Grabmal  des  Abtes  Trithemius.
im  Neumünster  zu  Würzburg.

wurden  und  in  einzelnen  Werken  sich  schon  als  Jünger  der  beginnenden

Renaissance  zeigen.  1531  ist  er  gestorben.

Unbedenklich  kann  man  ihn  den

großen  Nürnberger  Meistern,  einem  Adam  Kraft  und  Veit  Stoß  an  die

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