Full text : Lesebuch zur Geschichte Bayerns.

60.  Herzogin  Maria  Anna  von  Bayern.  321

noch  viele  andere  Gelehrte  unterhielten  Beziehungen  zu  dem  Hause  des  Herzogs
Klemens.  Das  Lieeblingsstudium  dieses  Fürsten  bildete  die  Chemie  und  die
Alchimie;  in  dem  Streben  nach  Befriedigung  dieser  wissenschaftlichen  Neigung
hatte  er  das  Unglück  bei  einem  Experiment  sein  Augenlicht  beinahe  völlig
einzubüßen.

Das  Jahrhumdert  der  Freimaurer  und  Illuminaten,  des  Wilhelm  Meister
und  der  Zauberflöte  schuf  sich  auch  am  Hofe  Max  III.  Josephs  von  Bayern
ein  Organ,  in  welchem  die  Bedürfnisse  eines  gesteigerten  Gefühlslebens  und
die  Neigung  zu  geheimnisvollen  allegorischen  und  symbolischen  Spielereien  ihre
Befriedigung  fanden.  Des  Kurfürsten  Schwester  Maria  Antonia,  die  Friedrich
der  Große  die  Blüte  der  deutschen  Prinzessinnen  nennt,  gründete  die  Gesellschaft
der  Inkas,  deren  Mitglieder  hervorragende  Beweise  abgelegt  haben  mußten,
daß  sie  einer  wahrhaften  Freundschaft  fähig  seien.  In  diesem  Kreise  begegnet
uns  auch  Maria  Anna  wieder  mit  dem  bezeichnenden  Beinamen  „Constante“,
während  ihr  Gemahl  als  Ordensmitglied  „Timide“  heißt.

Doch  die  Zeiten  waren  zu  ernst  und  der  Sinn  der  Herzogin  stand  nach
Höherem,  als  daß  sie  in  solchen  Tändeleien  sich  ganz  verloren  hätte.  Sie
empfand  den  Füssener  Frieden,  der  Bayern  nötigte  allen  Ansprüchen  auf
österreichischen  Besitz  zu  entsagen,  als  eine  Schmach  und  darum  suchte  sie
ihren  Gemahl  zu  einem  förmlichen  Proteste  dagegen  zu  bestimmen  oder  wenigstens
seinen  Beitritt  zu  diesem  Verzicht  zu  hintertreiben.  Die  Kühnheit  dieses  Planes,
dem  in  seiner  abgeschwächten  Form  auch  der  Herzog  von  Zweibrücken  beitrat,
äu  ermessen  muß  man  sich  gegenwärtig  halten,  daß  Herzog  Klemens  von
seiner  Großmutter  her  die  Herrschaft  Reichsstadt  und  andere  Güter  in  Böhmen
besaß  und  daß  daher  der  kaiserliche  Hof  die  gewünschte  Beitrittserklärung  zu
den  Präliminarien  durch  Repressalien  an  diesem  Besitz  erzwingen  konnte.  Zur
Abwendung  dieser  Gefahr  trat  Herzog  Klemens  schon  am  10.  Mai  1745  seine
Rechte  an  seinen  Schwager  Karl  Theodor  von  Kurpfalz  ab,  und  als  man
sich  im  Herbste  dieses  Jahres  alle  Mühe  gab  ihn  zur  Teilnahme  an  einer
Reise  des  Kurfürsten  zu  bewegen,  die  dieser  zu  einer  Begegnung  mit  dem
Kaiserpaar  unternahm,  war  es  wiederum  Maria  Anna,  die  ihren  Gemahl  trotz
aller  Gegenvorstellungen  in  München  zurückhielt,  in  der  richtigen  Voraussetzung,
  man  wolle  ihm  nur  bei  dieser  Gelegenheit  den  Verzicht  auf  seine
Ansprüche  entlocken.

Noch  bedeutender  aber  war  der  Einfluß,  den  die  Herzogin  auf  den
Kurfürsten  selbst  ausübte.  Im  18.  Jahrhundert  pflegten  die  kleineren  deutschen
Fürsten  um  Geld  anderen  Staaten  ihre  Truppen  zu  überlassen.  Wohl  verdammten
  unsere  Lessing,  Schiller,  Seume  mit  beredten  Worten  solchen  Menschenhandel;
  wohl  schreibt  auch  Friedrich  der  Große  mit  Entrüstung  über  einen
bayerischen  Subsidientraktat:  „Sollte  die  Freiheit,  dieses  kostbare  Vorrecht,  im
18.  Jahrhundert  den  Fürsten  weniger  teuer  sein,  als  sie  es  den  Patriziern
im  alten  Rom  gewesen  ist?“  Aber  die  Landstände  bezeichneten  dieses  System

Kronseder,  Lesebuch  zur  Geschichte  Bayerns.  21