Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Sechster Jahrgang. 1890. (31)

334  Kebersicht  der  politischen  Eutwickelung  des  Jahres  1890.

Spanien  Spanien  hat  in  diesem  Jahr  den  Uebergang  zum  allgemeinen
Stimmrecht  vollzogen,  das  Schritt  für  Schritt  einen  Staat  nach
dem  anderen  seiner  Herrschaft  unterwirft.  Die  liberale  Mehrheit
in  den  Cortes  unter  Führung  des  Ministers  Sagasta  geriet  schon
im  vorigen  Jahr  in  Spaltungen,  so  daß  zu  Neujahr  eine  Ministerkrisis
  eintrat.  Auf  eine  höchst  merkwürdige  Weise  wurde  sie  überwunden.
  Der  fünfjährige  König  wurde  von  einer  schweren  Krankheit
  befallen,  so  daß  schon  die  Nachricht  seines  Todes  verbreitet
wurde.  Da  waren  die  ritterlichen  Spanier  darin  einig,  daß  es
eine  Barbarei  sein  würde,  in  solchen  Tagen  von  der  Mutter,  der
Königin-Regentin,  politische  Beratungen  und  Entschlüsse  zu  verlangen.
  Sagasta  zog  also  seine  Demission  zurück  und  brachte  nun
das  allgemeine  Stimmrecht  ein,  dem  auch  die  Konservativen  nicht
widersprachen.  Dann  trat  Sagasta  mit  seinen  Kollegen  zurück,  um
nunmehr  einem  konservativen  Ministerium  zu  überlassen,  gleichzeitig
  mit  der  großen  demokratischen  Konzession  die  Zügel  der
Regierung,  was  im  Hinblick  auf  die  republikanischen  Regungen  in
Portugal  doppelt  nötig  schien,  wieder  straffer  anzuziehen.  Mit
dem  neuen  Ministerium  vollzog  Spanien  zugleich  eine  entschiedene
Wendung  zum  System  des  Schutzzolles;  viele  Einfuhrzölle  wurden
erhöht.

England  Von  allen  Großstaaten  hatte  in  diesem  Jahr  England  die
verhältnismäßig  bewegteste  auswärtige  Politik,  weil  in  seinem  unermeßlichen
  Kolonialreich  naturgemäß  fortwährend  hier  oder  da
Friktionen  stattfinden.  Mit  Deutschland  schloß  es  den  Vertrag
über  Ostafrika  und  Helgoland.  Unmittelbar  daran  schloß  sich  ein
Vertrag  mit  Frankreich,  weil  eine  alte  Abmachung  mit  diesem
Staat  über  Sansibar  existierte,  worin  sie  sich  gegenseitig  von  dieser
Erwerbung  ausschlossen;  um  also  das  in  dem  deutschen  Vertrage
stipulierte  Protektorat  nutzbar  zu  machen,  mußte  sich  England  erst
mit  Frankreich  auseinandersetzen.  Es  geschah  in  der  Weise,  daß
England  seinerseits  die  Vorherrschaft  Frankreichs  in  Madagaskar,
sowie  das  Recht  Frankreichs  auf  das  Hinterland  von  Algier  bis
zum  Tschad-See  über  die  Sahara  hinaus  anerkannte.  Südlich  von
der  deutsch-ostafrikanischen  Besitzung  liegen  die  Gebiete,  über  die
England  mit  Portugal  in  Streit  geriet.  Zu  einem  definitiven  Ver-