Uebersicht der Ereignisse des Jahres 1860. 209
desto weniger den Angriff auf die Volturnolinie, welche die Königlichen
besetzt hielten, die ihn am 1. Okt. unter dem Befehle des Königs selbst
mit großem Nachdruck angriffen und sich der lauten Hoffnung hingaben,
ihn zu überwältigen und siegreich in die Hauptstadt zurückzukehren: doch
behauptete Garibaldi, wenn auch nur mit Mühe und nach heftigem Kampfe
auf der ganzen Linie seine Stellung und begann am 8. die förmliche Belagerung
Capuas. Er mußte sich indeß selbst sagen, daß er mit seinen
Freiwilligen kaum im Stande sein würde, die ihm an Zahl überlegene
königl. Armee zu überwinden und noch weniger die beiden Festungen
Capua und Gaeta, die nur durch regelrechte Belagerung eingenommen
werden konnten, wozu ihm die Mittel vollends fehlten. Dazu bedurfte
er der Hilfe der sardinischen Armee, die übrigens unter dem Befehle des
Königs selbst bereits im Anzuge war. Seine Stellung zu Sardinien
und zur sardinischen Regierung war jedoch wie früher in Sicilien so nun
auch in Neapel eine schwierige und gespannte geworden. Unter dem Ruf
„Italien und Viktor Emanuel“ hatte er das bisherige Regiment in Sicilien
und Neapel gestürzt, er erkannte, daß Italien nur mit Hilfe und
im Anschluß an das constitutionell regierte aber entschieden monarchisch
organisirte und monarchisch gesinnte Sardinien einig und frei nach Außen
wie im Innern werden könne, er sah in Viktor Emanuel den von der
Vorsehung Italien gesandten „Befreier“, ein geheimer Zug des Herzens,
eine gewisse Verwandtschaft der Natur zog ihn überdies persönlich zu dem
Könige hin: aber mit der Regierung des Grafen Cavour konnte er sich
nicht vertragen; das durchtriebene, schlaue, gewandte, selbst verschlagene
Wesen des allmächtigen Ministers, der die realen Verhältnisse nie aus den
Augen verlor, der immer je nach den Umständen klug war und nachzugeben
wußte und alle Mittel der Diplomatie in Bewegung setzte und zu
benützen verstand, um seine Zwecke zu erreichen, war ihm zuwider; er
konnte ihm nicht verzeihen, daß er nicht blos das französische Savoyen,
sondern auch Nizza, das italienische Nizza, die Vaterstadt Garibaldis, dem
Franzosenkaiser überlassen hatte; Garibaldi war überdies in republikanischen
Ideen gewissermaßen aufgewachsen, geächtet und verbannt war er
vom Schicksal in republikanische Verhältnisse und in Umgebung von Männern
geworfen worden, deren Ideal die Republik war; in gewissen Beziehungen
von einem durchaus biegsamen Charakter, neigte er sich Mazzini
und dessen Anhängern zu, bei denen er für seine weitsehenden, oft sehr
idealen fast phantastischen Pläne überdies eher Anklang fand, als bei
den nüchternen, strengen, fast starren Piemontesen. So kam es denn,
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