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Bergwände sind mit dunklen Tannen bewachsen; sein von einem Bache
durchflossener Boden ist zur Hälfte Ackerland, zur Hälfte Wiese; hier und
da stehen mit halbdürren Asten die Zeugen vergangener Jahrhunderte,
uralte, im Winde ächzende Eichen mit weißbemooster Rinde. Mitten aber
in dieser Einsamkeit, von einem kleinen Garten und einigen Obstbäumen
umgeben, liegt der Hof des Bauern; ein schlanker, mit „einem Buschen“,
bunten Bändern und vielen Figuren geschmückter Kirchweihbaum überragt
ihn hoch und grüßt den Wanderer schon aus der Ferne. Der Haustür gegenüber
rinnt ein Brünnlein klaren Wassers; ihm zur Seite steht ein hohes,
altes Kruzifix von Holz; frische Blumen schmücken die Füße des Heilandes;
ein Betstuhl steht darunter. Unweit davon in der Wiese, von einer jener
alten Eichen beschattet, liegt eine kleine weiße Kapelle mit einem Glöckchen:
dicht vor dem Hause aber selbst läuft eine lange Kegelbahn hin; die schwere
Kugel und der Krug klaren, kräftigen Bieres gehen abwechselnd von Hand zu
Hand. Eine Kastanie beschattet die Spieler. Auf der hölzernen Galerie
des Hauees stehen einige „Nagerlstöcke“; dahinter, an der Wand unter dem
Dache, hängen drei von unzähligen Kugeln durchschossene Scheiben mit
längst verbleichter Farbe. Durch die offenen Fenster des Hauses hört man
den hellen wehmütigen Klang der Zither; man sieht die Burschen, eine Feder
und Blumen auf dem Hute, mit stampfenden Füßen und schnalzenden
Händen und Zungen, die lachenden Mädchen in ihrem heitern Feiertagsgewand
umtanzen. Dazwischen hört man eine kräftige Stimme in fröhlicher
Veise singen. So wird getanzt und gesungen, getrunken und gekegelt. Die
Musik wird lauter und wilder; — da erschallt plötzlich das Glöckchen in der
kleinen Wiesenkapelle, es läutet zum Ave-Maria; jetzt wird auf einmal
alles stille, die Musik schweigt, die Kegel ruhen; Tänzer, Sänger, Trinker,
Spieler und Schützen, alle entblößen ihr Haupt und beten bei dem einsam
tönenden Klang der Glocke den Jungfräulichen Gruß.
Verlassen wir den friedlichen Hof des Bauern; wandern wir aus dem
stillen Wiesentale des Niederlandes den Bergen zu; folgen wir den Alpenwassern,
die raschen Sprunges, gleich den tanzenden Burschen, die Hochebene
durcheilen, zu den Bergen des Hochlandes,
„wo's Edelweiß blüht an der Felsenwand“.
» Hier, in dem Gebiete schäumender Wasserfälle und rauschender Wildbäche,
wird alles luftiger, großartiger, kühner; steile Berghänge und tief
verborgene Felsentäler und finstere Schluchten finden wir hier, wo die mächtigen,
von Alter und Wind zusammengebrochenen Tannen zu Hunderten,
sa zu Tausenden, mit fußhohem Moos überdeckt, dahinmodern und den
lungen Nachwuchs aus ihren Leichen aufwachsen lassen. In dieser wunderreichen
Alpenwelt tönt das jodelnde Lied jauchzender Lust durchdringender
und heller; allein auch die düstere, in der Einsamkeit brütende, wehmutsvolle
Sehnsucht singt ihre Klagen in herzdurchschneidenden Tönen.
Da steigt der Hirt sicheren Fußes die höchste Felsenwand hinan, eine
Ilume, den Preis seiner Kühnheit, zu pflücken; er steckt sie auf den Hut,
und diesen auf der schwindelnden Felsenspitze schwenkend, singt er: