Full text : Meyers Großes Konversations-Lexikon. Zweiter Teil. (2)

Seeliger:  Galizien  und  die  polnische  Frage

Anfang  an  neue  Ordnungen.  Die  polnische  Frage
tauchte  wieder  auf  und  mit  ihr  ein  galizisches  Problem.
Wenn  lediglich  völlische  und  kulturelle  Verhältnisse
entscheidend  wären,  dann  würde  die  geschichtliche  Entwicklung
  einfach  zu  einer  politischen  Einigung  der
Ukrainer  und  zu  einer  solchen  der  Polen  führen.  Dann
würden  die  drei  historisch-staatsrechtlich  und  ethnisch
verschiedenen  Teile  des  künstlichen  Gebildes  Galizien
in  der  Art  berücksichtigt  werden,  daß  der  Osten  an  ein
Ukrainisches  Reich,  der  Westen  an  einen  polnischen
Staat  und  nur  der  westlichste  kleine  Landstrich  von
schlesischem  Charakter  an  Schlesien  käme.  Wünsche
dieser  Art  sind  oft  genug,  vor  dem  Krieg  und  während
des  Krieges,  geäußert  worden.  Aber  es  haben  auch
Momente  der  politischen  Macht  und  der  staatlichen
Forderungen  mitzusprechen.  Das  erschwert  die  Lösung
des  großen  polnischen  Problems.  —  Dasukrainische
Bolkstum  von  33  Millionen,  erst  in  den  letzten.
Jahrzehnten  zum  Bewußtsein  der  nationalen  Eigenart
  gelangt,  hat  sicher  innere  Berechtigung  zur  Forderung
  des  politischen  Sonderdaseins.  Geradezu  töricht
  wirkten  die  feierlichen  Erklärungen,  die  die  Russen
im  Rausch  flüchtiger  Erfolge  zu  Lemberg  und  Przemysl
  verkündeten,  daß  sie  gekommen  seien,  altrussischen
  Boden  zurückzugewinnen  und  die  Einheit  und
Unteilbarkeit  des  heiligen  Rußlands  herzustellen.  Als
ob  das  Ukrainerreich  Kiew,  zu  dem  einst  Rotruthenien
gehörte,  moskowitisches  Land  wäre,  als  ob  die  Moskowiter,
  dieses  im  Kolonialland  von  fremden  Elementen
durchsetzte,  ja  überwucherte  Volkstum,  alte  Rechte  auf
Ruthenien  hätten.  Hatte  doch  der  Großrusse  erst  im
17.  Jahrhundert  Kiew  erobert,  nicht  befreit,  vielmehr
den  sprachverwandten,  kaum  noch  stammverwandten
Ukrainer  geknechtet,  ihm  Schrift,  Sprache,  Sitte  und  Religion
  —  den  griechisch-katholischen  Glauben,  den  der
Ukrainer  Ende  des  16.  Jahrhunderts  statt  des  orthodox-russischen
  angenommen  hatte,  zu  rauben  gesucht.
Wenn  etwas  eine  innere  Berechtigung  in  der  Geschichte
hot,  dann  die  ukrainische  Bewegung,  deren  geistiger
Mittelpunkt  jahrzehntelang  in  Lemberg  war.  Aber  ob
die  Ergebnisse  des  Krieges  zu  einer  Befreiung  der  Ukrainer
  führen  werden?  Vielleicht  reicht  die  eigene  Kraft
des  Jahrhunderte  geknebelten  Volkes  für  die  große  Tat
nicht  aus;  die  Befreiung  mag  späteren  Bildungen  vorbehalten
  bleiben.  —  Auch  die  polnische  Frage  kann
nicht  die  anfangs  erhoffte  Lösung  finden.  Mit  lementarer
  Macht  ist  bei  Kriegsbeginn  der  begeisterte  Wunsch
der  meisten  Polen  nach  Aufrichtung  eines  polnischen
Staates  hervorgebrochen.  Schon  wurde  das  jagellonische
  Reich  mit  seinen  weiten,  Über  die  Polen,  Ukrainer
und  Weißrussen  hinausragenden  Grenzen  gesehen  —
phantastische,  utopistische  Träume.  Die  nüchternen
polnischen  Politiker  haben  von  Anfang  an  ihren
Wünschen  engere  Schranken  gezogen,  und  besonders
nach  den  glänzenden  Siegen  bes  Mittelmächte  im
Herbst  1915  ihr  bestimmtes  Streben  auf  die  politische
Verbindung  der  den  Russen  entrissenen  Gebiete  mit
Galizien  gerichtet.  Das  am  14.  August  1914  in
Krakau  gegründete  Oberste  Nationalkomitee,  das  mit
dem  später  ins  Leben  getretenen  Warschauer  Nationalen
  Zentralkomitee  in  Beziehung  trat,  hat  mehr
und  mehr  als  festes  Ziel  aufgestellt  die  Aufrichtung
eines  unter  Österreich  stehenden  polnischen  Staates,  der
Galizien  und  möglichst  viel  bisher  russisches  Gebiet
umfaßt.  Daran,  daß  Preußen  auf  die  überwiegend
von  Deutschen  bewohnten,  von  Polen  stark  durchsetzten
  Landstriche  zugunsten  eines  neuen  Polens  verzichten
  werde,  haben  klarblickende  Polen  wohl  nicht,

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sicher  nicht  einstweilen,  gedacht.  Und  die  Idee  eines
solchen  Polens  unter  habsburgischer  Herrschaftist  auch
von  weiten  Kreisen  der  Deutsch  -Osterreicher  (2  Denk.
schrift  aus  Deutsch-Osterreich#,  Leipz.  1915),  ist  sogar
auch  von  manchen  Ungarn  (Julius  Andrässy)  vertreten
  worden.  Daß  auch  der  Verwirklichung  dieser  Gedanken
  größte  Schwierigkeiten  entgegenstanden,  mußte
jedem  klar  sein.  Mannigfache  andere  Pläne  tauchten
auf,  und  die  Polen  erbaten  nur  das  eine:  Keine  vierte
Teilung  Polens.  Schließlich  geschah  das,  was  schon
vorher  und  immer  bestimmter  angedeutet  worden
war;  der  deutsche  Kaiser  und  der  Monarch  Österreich-Ungarns
  ließen  in  feierlicher  Proklamation  am  5.  November
  1916  verkünden,  daß  sie  aus  den  der  russischen
  Herrschaft  entrissenen  polnischen  Gebieten  einen
selbständigen  Staat  mit  erblicher  Monarchie  und
konstitutioneller  Verfassung  zu  bilden  Übereingekommen
  seien:  Ein  Polen  nur  auf  russischem  Gebiet,  ein
Polen  ohne  Galizien.  Und  gleichzeitig  richtete  Kaiser
Franz  Joseph  an  den  österreichischen  Ministerpräsidenten
  Körber  ein  Handschreiben,  in  dem  der  kaiserliche
Wille  zum  Ausdruck  kommt,  daß  ein  dem  Augenblick,
in  dem  der  neue  (polnische)  Staat  zur  Entstehung  gelangt,
  Hand  in  Hand  mit  dieser  Entwicklung  auch  dem
Lande  Galizien  das  Recht=  verliehen  werde,  seine  Landesangelegenheiten
  bis  zum  vollen  Maße  dessen,  was
mit  seiner  Tätigkeit  zur  staatlichen  Gesamtheit  und  mit
deren  Gedeihen  im  Einklange  steht,  selbständig  zu  ordnen
  und  damit  der  Bevölkerung  Galiziens  die  Gewähr
ihrer  nationalen  Entfaltung  zu  bietenc.  —  Der  Minister
  wurde  aufgefordert,  zur  „gesetzmäßigen  Verwirklichunge
  des  kaiserlichen  Wunsches  geeignete  Vorschläge
  vorzubereiten.  —  So  wurde  die  pölnische  Frage,
so  wurde  das  damit  zusammenhängende  galhisch-Problem
  auf  eine  neue  Grundlage  gestellt.
Galiziens  Sonderstellung.  Die  Aufrichtung  des
Dualismus  und  der  Ausgleich  mit  Ungarn  1867  haben
  naturgemäß  den  Sonderwünschen  der  slawischen
Völker  Vorschub  geleistet.  Die  Tschechen  veranstalteten
  damals  gemeinschaftlich  mit  Slowenen,  Ruthenen
und  Kroaten  den  „Pilgerzug"  nach  Moskau,  und
Prag  begann,  nach  dem  den  Russen  gegebenen  Versprechen
  des  Tschechenführers  Rieger,  die  slawische
Zukunftsidee  vorzubereiten.  Die  Polen  Galiziens
aber  suchten  in  übereinstimmung  mit  den  Machthabern
Osterreichs  eine  ihren  nationalen  Bestrebungen  genehme
  politische  Sonderstellung  zu  gewinnen.  Schon
1866  hatte  der  galizische  Landtag  ein  Programm  der
Autonomie  entworfen  und  die  Ernennung  eines  galizischen
  Hofkanzlers  erbeten.  Dann  wurde  am  24.  September
  1868  die  berühmte  „Resolutione  des  Landtages
  gefaßt,  die  zwar  nicht  so  weit  ging  wie  die  einst
1790  an  Kaiser  Leopold  gerichtete  Eingabe  und  kein
besonderes  galizisches  Heer  forderte,  aber  doch  eine
überaus  weitgehende  Sonderstellung  auf  allen  Gebieten
  der  Verwaltung  und  des  Finanzwesens  begehrte.
Am  26.  Juni  1869  wurde  die  galizische  Resolutionim
  österreichischen  Reichsrat  vorgelegt;  sie  wurde  abgelehnt.
  Es  folgte  1869  eine  zweite  polnische  Eingabe,
1870  das  Projekt  Rechbauers  und  1871  der  Entwurf
des  Ministeriums  Hohenwart,  —  alles  vergebens.
Indessen  wurde  den  Polen  tatsächlich  vieles  gewährt,
was  die  anderen  Kronländer  nicht  besaßen,  vor  allem
die  selbständige  Verwaltung  des  Schulwesens,  die  der
polnischen  Propaganda,  ja  einer  planvollen  Polonisierung
  die  wichtigsten  Dienste  geleistet  hat,  die  innere  polnische
  Amtssprache,  ausgenommen  bei  der  Gendarmerie,
  die  ausschließliche  Anstellung  von  einheimischen  Be-