Full text : Meyers Großes Konversations-Lexikon. Dritter Teil. (3)

Der  militärische  Verlauf  des  Krieges:  Westen  Mai  bis  Juni  1918

sen,  der  Feind  aus  seiner  vierten  Stellung  bei  Bailleul-Merville
  geworfen.  Die  Schlacht  bei  Armentieres
hatte  eine  Beute  von  20000  Gefangenen  und  200
Geschützen  gebracht.  Die  portugiesischen  Truppen  waren
  vernichtet.  Am  13.  fielen  noch  Merris  und  Vieux
Berquin,  am  16.  Wulverghem.  —  Einen  neuen  Anlauf
  nahm  der  deutsche  Angriff  am  16.  Die  Armee
Sixt  v.  Armin  eroberte  Paschendaele,  Wytschaete  und
drängte  den  immer  wieder  zu  Gegenangriffen  sich  aufraffenden
  Feind  über  die  Duve  zurück.  Nach  kurzem,
durch  die  Schwierigkeiten  der  Heranführung  des  Nachschubes
  durch  das  Trichtergelände  verursachten  Stillstand
  holte  die  Urmee  zu  einem  Hauptschlag  gegen  die
das  ganze  Gelände  weithin  beherrschende  Stellung  auf
dem  Kemmelberg  aus;  am  25.  April  fiel  sie  nach
schwerem  Kampf,  in  den  auch  Franzosen  eingriffen,
die  von  der  Rerservearmee  Fochs  herangeführt  worden
  waren.  Während  dieser  Kämpfe  auf  dem  rechten
Flügel  schoben  die  Deutschen  ihre  Linien  in  der  Mitte
auf  Villers-Bretonneux  vor  —  Amiens  lag  unter
schwerem  Feuer.  Noch  weiter  südöstlich  wurde  um  die
Höhen  von  Moreuil  gekämpft;  gerade  hier  machten
die  Franzosen  unausgesetzt  kraftwolle  Gegenstöße,  um
dadurch  vor  allem  die  Engländer  zu  entlasten  und
eine  Umfassung  derselben  von  Norden  her  zu  verhindern.
  Auch  in  Lothringen  war  es  am  20.  April
lebendig  geworden;  zwischen  Maas  und  Mosel  wurde
die  von  Amerikanern  besetzte  Stellung  bei  Seicheprey
genommen,  in  der  Nacht  nach  Zerstörungihrer  wesenilichsten
  Widerstandspunkte  aber  wieder  geräumt.  —
Mit  Ende  April  trat  eine  Pause  in  der  deutschen
Offensive  ein,  die  bis  zum  26.  Mai  anhielt.  In  dieser
Zeit  mußten  eine  Reihe  gewaltiger  Wiedereroberungsversuche
  gegen  den  Kemmel  sowie  gegen  die  Stellungen
  sübsucch  von  Amiens,  bei  Montdidier,  Lassign
und  Noyon  zurückgewiesen  werden.  Auch  regten  sch
die  Amerikaner  südwestlich  von  Blamont,  aber  ohne
Erfolge  erringen  zu  können.  Die  amerikanischen
Transporte  nahmen  auf  die  dringenden  Vorstellungen
Fochs  von  Monat  zu  Monat  in  einem  solchen  Umfange
  zu,  daß  nicht  nur  die  Verluste  ersetzt,  sondern
auch  eine  immer  größere  zahlenmäßige  Überlegenheit
von  Tag  zu  Tag  mehr  sich  bemerkdar  machte.

Die  iFms—  13.Jun1918
isne  -  Marne:

Am  26.  Mai  wurde  die  Offensive  durch  die  Heeresgruppe
  des  deutschen  Kronprinzen  wieder  aufgenommen
  und  südlich  von  Laon  zur  Eroberung  der  Stellungen
  am  Damenweg,  die  von  Franzosen  und
Engländern  verteidigt  wurden,  vorgegangen.  Die  Armee
  Boehn  nahm  den  langgestreckten  Bergrücken,  an
dem  der  große  Durchbruchsversuch  der  Franzosen  im
Frühjahr  1917  zerschellt  war,  nach  starker  Artillerievorbereitung
  mit  stürmender  Hand.  Im  weiteren
Vordringen  war  am  Mittag  schon  die  Aisne  zwischen
Vailly  und  Berry--au-bac  erreicht.  Gleichzeitig  hatte
die  Armee  Below  (Fritz)  den  Feind  aus  seinen  searken
Stellungen  zwischen  Sapigneul  und  Brimont  über
den  Aisne-Marne-Kanal  geworfen.  Am  27.  und  28.
ging  der  Angen  weiter.  Am  29.  wurde  Soissons
genommen,  die  südlich  von  der  Vesle  in  Bildung  begriffene
  neue  Front  der  Franzosen  brach  zusammen;

leichzeitig  fielen  die  Forks  an  der  Nordwestfront  von
Keind.  35000  Gefangene  wurden  bis  zu  diesem  Tage
gezählt.  Fechtend  näherte  sich  Boehn  südlich  von  La

1  Val.  die  Karte  S.  100  und  den  Kriegsbericht  S.  25ff.

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Fere-en--Tardenois  der  Marne.  Am  30.  wurde  unter
Abweisung  heftiger  Gegenstöße  südlich  von  Soissons  u.
bei  La  Fere-en-Tardenois  der  Fluß  in  breiter  Front
erreicht.  Die  Beute  stieg  auf  45  000  Gefangene,  400
Geschütze  und  1000  Maschinengewehre.  Die  Tage  bis
zun  13.  Juni  brachten  eine  weitere  Vorschiebung  der
eutschen  Linien  auf  Villers  Cotterets  und  südlich  vom
Oureq.  An  der  Marne  rundete  sich  so  durch  neue  Geländegewinne
  die  ursprüngliche  Spitze  der  frisch  eroberten
  Keilfläche  auf  25  km  Breite  ab;  die  ganze
Kampfhandlung  kennzeichnet  sich  dadurch,  daß  Tage
außerordentlich  heftiger  allgemeiner  Kämpfe  mit  Taen
  abwechselten,  an  denen  starkes  Artilleriefeuer  die
Zeit  zum  Zermürben  der  schnell  neu  entstandenen
feindlichen  Stellungen  ausnüßte.  Legztere  benutzte  und
benötigte  der  Angreifer,  um  seinen  Nachschub  heranzuziehen
  und  der  erschöpften  Infanterie  etwas  Ruhe
zu  gewähren.  Gegenangriffe  gegen  Chäteau-Thierry
wurden  um  diese  Fei  zum  ersten  Male  von  geschlossenen,
  größeren  amerikanischen  Verbänden  ausgeführt,
die  zeigten,  daß  die  französischen  Ausbildungsoffiziere
sehr  gute  Arbeit  geleistet  hatten.  Einer  der  erfolgreichsten
  Kampftage  war  der  9.  Juni,  an  diesem  brach
die  Armee  Hutier  in  das  Höhengelände  nordwestlich
von  Noyon  ein,  westlich  und  östlich  von  der  Matz  wurde
serner  Gelände  dem  sich  verzweifelt  wehrenden  Feinde
entrissen.  8000  Gefangene  fielen  in  des  Siegers  Hand.
Am  11.  galt  es  einen  gewaltigen  Gegenstoß  der  Franzosen
  gegen  den  Höhenblock  südwestlich  von  Noyon  abzuweisen.
  Die  Zahl  der  Gefangenen  erhöhte  g4  auf
13000;  ein  zweiter  Gegenstoß  am  12.  teilte  dasselbe
Geschick.—  Auf  deutscher  Seite  gewann  man  den  Eindruck,
  als  ob  die  Reservearmee  des  Generals  Foch  zum
rößten  Teil  schon  angegriffen  und  damit  ein  großer
Erfolg  erreicht  sei,  der  mit  den  stellenweise  nicht  geringen
eigenen  Verlusten  nicht  zu  teuer  erkämpft  worden  sei.
Ungefähr  6820  qkm  umfaßte  das  Gebiet,  das  die
deutsche  Offensive  in  der  Zeit  vom  21.  März  bis  zum
13.  Juni  erobert  hatte.

Die  Kämpfe  im  Westen  bis  zum  15.  Auli  1918.

Mitte  Juni  trat  verhältnismäßige  Ruhe  an  der
Westfront  ein;  die  Ereignisse  auf  dem  ital.  Kriegsschauplatz,
  wo  Osterreich  zum  Angriff  über  den  Piave  vorgegangen
  war  und  anfänglich  bedeutende  Erfolge  errang,
  zogen  für  kurze  Zeit  die  Aufmerksamkeit  von  den
Vorgängen  an  der  Westfront  ab.  Deutsche  Truppen
waren  hieran  nur  mit  kleinen  Abteilungen  deteiligt.

Bis  Mitte  Juli  dauerte  der  Stillstand  in  den  großen
  Leerebewegungen  an  der  Westfront  an;  Fochs
Verluste  waren  bis  dahin  durch  Amerikaner  und  Engländer
  mehr  als  ersetzt.  Ganz  besonders  wurde  ihre
Angriffskraft  zu  erhöhen  gesucht  durch  die  Einstellung
ganz  gewaltiger  Mengen  von  gepanzerten  Kampfwagen,
  von  Tanks  der  verschiedensten  Art,  die  die
amerikanische  Industrie  lieferte  und  trotz  der  Tätigkrit
Unserer  U-Boote  herüberzusenden  vermochte.  —  Reger
örtlicher  Kampf,  Vorfeldkämpfe,  unausgesetzte  Erkundungstätigkeit,
  Artilleriekämpfe  füllten  die  Zeit  aus.
Der  15.  Juli  brachte  die  sehnsüchtig  bei  uns  erwartete
Fortsetzung  der  deutschen  Offensive.  Während  süd-Faülich
  und  östlich  von  Reims  ein  Einbruch  in  die
französischen  Stellungen  gelang,  überschritt  die  Armee
Boehn  zwischen  Jaulgonne  und  westlich  von  Dormans
  die  Marne  und  gete  sich  auf  dem  Südufer  mit
beträchtlichen  Kräften  fest.  Die  Armeen  Mudra  und

1  Vgl.  die  Karte  S.  100.