Die Preußen in Hessen und Sachsen. 267
süddeutschen Zollvereins fand übrigens auch in Württemberg, Baden, Hessen
und Nassau durchaus nicht den erwarteten Anklang. Im schlimmsten Fall hätte
man sich auch dort immer noch lieber einer preußischen als einer bayrischen
Oberhoheit unterworfen.
Jedenfalls ist es gewiß, daß die Minister der preußenfeindlichen Staaten,
die Herren von der Pforten (Bayern), von Beust (Sachsen), von Dalwigk
(Hessen) u. a., in jener Zeit dem sicheren und selbstbewußten Auftreten
Bismarcks gegenüber recht traurige Rollen spielten.
Die Preußen in Sachsen. Inzwischen mußte das brave Sachsenvolk die
Schuld der verkehrten Politik des preußenfeindlichen Ratgebers seines Königs
büßen. Statt sich zu beeilen, mittels 30000 Mann marschbereiter, längst
trefflich ausgerüsteter Streiter der hannöverschen Armee den rechten Halt zu
verleihen und rechtzeitig mit ihr vereinigt den Bayern die Hand zu reichen,
ließ man sich überraschen, und der König Georg von Hannover hatte sich
infolgedessen auf sich selbst angewiesen gesehen. Vergebens hofften und harrten
auch die nach der sächsischen Grenze im Marsch begriffenen Bayern der so
willkommen gewesenen Verstärkung durch das sächsische Korps. Nicht einmal
die Deckung des Königreiches war ins Auge gefaßt worden, wiewohl man sich
doch hätte sagen können, daß mit Beginn des Kampfes Preußen vor allen
Dingen in Sachsen festen Fuß zu fassen suchen werde, schon um die Osterreicher
nicht in den Besitz dieses Landes und damit zu einer höchst vorteilhaften
Verteidigungslinie gelangen zu lassen.
Kaun hatte der sächsische Minister von Beust das letzte, stolz ablehnende
Wort auf Preußens Mahnungen gesprochen, so trug auch schon der Draht die
Nachricht durch ganz Sachsen:
„Die Preußen sind von Mühlberg aus in Strehla eingerückt!“ —
Und in der That, General Herwarth von Bittenfeld rückte mit der Elbarmee
von Torgau herein ins Land — Prinz Friedrich Karl zog aus der
Lausitz in Gewaltmärschen heran. In welche Aufregung geriet nun die Bevölkerung!
Während König Johann und Beust selbst unter dem Schutze der sächsischen
Armee die sächsisch-böhmische Grenze überschritten, wurden von den abziehenden
sächsischen Genietruppen recht nutzloserweise die Brücken über die
Elbe bei Riesa und bei Meißen zerstört. Ihre Wiederherstellung verursachte
später ansehnliche Kosten, während damals ihre Sprengung den Einmarsch
der Preußen kaum zu erschweren, geschweige denn zu verhindern vermochte.
Während am 17. Juni General Herwarth von Bittenfeld mit der „Elbarmee“
von Westen her in Sachsen einrückte, durchzog die I. Armee unter
dem Prinzen Friedrich Karl das östliche Sachsen. Bautzen und Meißen
wurden noch am 17., Dresden am 18., Leipzig am 19. Juni besetzt. Der
preußische Oberbefehlshaber erklärte in seiner Kundgebung an die Landesbewohner:
„Ich rücke in euer Land ein, aber nicht als euer Feind, denn ich
weiß, daß eure Sympathien nicht zusammenfallen mit den Bestrebungen eurer
Regierung. Sie ist es gewesen, die nicht eher geruht hat, als bis aus