412 Die wissensehaftliche Dedeutunz der Akademie Friepricu's II.
Worrr'sehe Philosophie ab'!. Die englische Philosophie fand in ihrer
Mitte keine Stätte mehr, doch war es eben Strzer, der sehon im
Jahre 1755 Deutschland mit Hunz bekannt gemacht hatte. Noch
weniger erwarb sich die materialistische französische Philosophie Anhänger
in ihren Kreise: Sieger blieb, wenn auch eklektisch erweicht,
die Worrr sche Philosophie.
In demselben Jahre. in welchem jenes Eloge auf Leissız gekrönt
wurde. wurde eine Schrift des Hofpredigers Cocmus in Potsdaın
mit dein Preise belohnt, in der das Thema bearbeitet war,
»ob es möglich sei, natürliche Neigungen zu zerstören, und wie
man die guten zu stärken, die schlechten zu schwächen habe«.
Auch diese Preisaufgabe zeigt, dass die Akademie den Gang der
philosophischen Forschungen genau verfolgte und in ihren 'Thematen
die Iauptprobleme, welche die Zeit bewegten, sicher zu fasseu verstand.
Die »Neigungen« (les penchants) — sie bildeten Ja die dunkle
Macht, welche die Fortschritte der Vernunft hemmten und den
sonst so spielend leichten Aufstieg zur Aufklärung in unerklärlicher
\Weise verzögerten. Jenes tiefe Problem, welches Kat, an alte
Überlieferungen anschliessend. durch seine Lehre vom radicalen
Bösen zu bestimmen versucht hat, steckt in der Frage nach »der
Möglichkeit, natürliche Neigungen zu zerstören«.. Von der »Herrschaft
über die Neigungen« hatte MENDELSSOHN schon im Jahre 1755
gehandelt”. und auch die übrigen Moralphilosophen und Paedagogen
des Zeitalters, z. B. GELLErT, wandten der Frage das lebhafteste
Interesse zu. Aber die gekrönte Preisschrift des Hofpredigers —
neben ihm haben auch GarvE und MEısers das Problem bearbeitet. —
war doch nicht bedeutend genug. un einen kräftigen Anstoss zu
vertiefter Betrachtung zu geben. MexpeLssonn begnügte sich damit,
sie und GarvE's Ahhandlung mit einigen Anmerkungen zu begleiten”:
tiefblickend erklärte der gescheite und witzige Deutschfranzose
GRINN, wer diese Frage in bejahendem Sinne zu lösen vermöge,
habe so ziemlich alle praktischen Probleme gelöst, die die Menschheit.
interessiren: erst der Königsberger Philosoph hat das Problem
so behandelt, dass er an und mit ihm das ganze Moralgebäude der
I Die Preisschrift war nicht bedeutend; BirrnorLamess (II p.268) nennt sie
sun ourrage qui n'ctait entierement digne ni de Leissız ni de Baırye. Der Gelehrte
hatte sich die Aufgabe leicht gemacht und die Arbeit seines Vorgängers
DE JatcourT nicht nur nicht übertroffen. sondern nicht einmal erreicht.
2 Ges. Schriften Bd. IV, ı S. 38 ff.
’ x.2.0. IV. ı S.102fl.