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Politik verletzte auch hier das formale Recht, brachte aber wichtige
deutsche Lebensinteressen wieder zu gebührender Geltung. Die
Untaten der polnischen Katholiken gegen die Evangelischen mußten
hier nun aufhören; aber auch für die katholischen Westpreußen
war es ein Segen, daß die alte polnische Wirtschaft ein
Ende nahm; das Land blühte auf unter der preußischen Verwaltung
(Domhardt, v. Brenckenhoff). Dagegen warf sich Friedrich
im Bayrischen Erbfolgekriege und bei der Stiftung des deutschen
Fürstenbundes zum Beschützer der deutschen Reichsverfassung
gegen Joseph II. auf, weil jedes Wachstum Österreichs in
Deutschland ein Nachteil für Preußen war. Die Richtschnur
seines Tuns war in diesen wie in allen Fällen einzig und allein
die Macht und Größe, die Wohlfahrt und Sicherheit des preußischen
Staates.
§ 65. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ging in
den Köpfen und Sitten des Volks eine große Veränderung vor.
Das Bedürfnis nach geistiger Bildung steigerte sich und wurde
allgemein, der Mittelstand ihr Träger. Selbst die dienende
Klasse in den Städten ergriff die Lust zu lesen und sich zu belehren.
überall entstanden Leihbibliotheken. In den Schulen
führte man eine weniger pedantische Methode ein und trieb auch
Realien. Die Hauptstadt war der große Herd der ästhetisch-literarischen
Bewegung. Hier veröffentlichte Nikolai die berühmten
Literaturbriefe (1759—1765), an denen Lessing mitgearbeitet,
und deren Fortsetzung, die „Allgemeine Deutsche Bibliothek“".
Lessing selbst, der Schöpfer der wissenschaftlichen Kritik und der
Erneuerer der deutschen Prosa, lebte und schrieb viel in Berlin;
und die Perle seiner Dichtung, „Minna von Barnhelm“,
ist ein preußisches Nationaldrama. Von den Heroen der klassischen
Literatur Deutschlands gehörten durch Geburt Preußen an:
Klopstock (geb. 1724 in Quedlinburg), Herder (geb. 1744 in
Mohrungen), Winckelmann (geb. 1717 in Stendal). Eigentlich
preußische Schriftsteller waren: Ewald von Kleist (geb. 1715),
der Dichter des „Frühlings“, der bei Kunersdorf fiel, und Gleim,
der Sänger der „Lieder eines preußischen Grenadiers“ (geb. 1719,
1 1803 in Halberstadt); Th. G. v. Hippel, der Humoristiker
(geb. 1741 zu Gerdauen); Hamann (geb. 1730 in Königsberg),
der „Magus des Nordens". WMissenschaftliche Größen waren:
Cocceji, Carmer, Svarez; Lieberkühn, Euler, Dohm, Achard;
der Weltumsegler Reinhold Forster; der hallesche Philolog
F. A. Wolf; die Philosophen Garve, Engel, Moses Mendelssohn.
Von weltgeschichtlicher Bedeutung: Immanuel Kant