Full text : Königlich-Baierisches Regierungsblatt. 1806. (1)

obachtet  und  nachdenkt,  ihre  Geheimnisse
und  Weisheies-Schätze  auf,  und  davon  immer
  nur  so  viel,  als  der  Lehrling  auf  ein
Mal  fassen  und  zu  seinem  Eigenthume  verarbeiten
  kann.  Auch  hierin  folge  der  Lehrer
getreu  ihrem  Winke.

.  18.

Eben  so  nothwendig  ist  die  Beobachtung
der  Lehr-Maxime:  Nichts  zur  Unzeit;
d.  h.  nichts  fruͤher  und  nichts  spaͤter  (so
viel  dieß  nur  immer  beym  gemeinsamen  Unterrichte
  möglich  ist)  als  die  Kinder  es  fassen
  können  und  wissen  sollen.  Das
Zufrüh  erzeugt  einseitiges,  halbes,  seichtes,
  verworrenes  Wissen;  das  Zuspät
hat  meistens  die  üble  Folge,  daß  unrichtige,
falsche,  schädliche  Vorstellungen  und  Begriffe
die  Stelle  der  wahren  und  chten  einnehmen.
Die  Seele  gleichet  in  diesem  Falle  dem  Acker,
der  über  die  Saatzeit  unangebaut  liegen  bleibt.
Unkraut  nimmt  ihn  ein,  und  selbst  der  schönste,
  fruchtbarste  Boden  verwildert.“

§.  19.

Nicht  nur  Eines  nach  dem  Anderen,  sondern
  Eines  aus  dem  Anderen,  —  sey  dem
Lehrer  bey  seinem  Schul-Unterrichte  Hauptgesetz.
  Nur  so  ist  stufenweises  Fortschreiten
  vom  eichteren  zum  Schwereren  denkbar.
  Dem  Kinde  ist,  wie  dem  erwachsenen
Menschen  nur  das  leicht,  wozu  seine  Fassungekräfte
  zureichen.  Ist  das  gelernt,  so
ist  es  zum  Schwereren  vorbereitet  und  gestärkt.
  Dieses  hört  sodann  auf,  schwer  zu
seyn,  und  so  ist  zuletzt  Alles  leicht;  und  der
Mensch  bringt  es  nach  und  nach  auf  diesem

Wege  bis  zum  Schwersten,  wenn  er  gur

geleitet  wird.
20.

Auch  hier  giebt  uns  wieder  die  Natur  im
körperlichen  Gehen  genau  das  Bild
vom  geistigen.  Nicht  Einen  Schritt  weiter,
  bis  der  Fuß  bey  dem  vorhergehenden
sesten  Grund  gefaßt  hat!  Nur  miteelst  dieser
  Vorsicht  wird  der  Gang  sicher  und  das
Ziel  erreicht;  und  nur  auf  diese  Weise  gelangt
  der  Mensch  zur  Fertigkeit  im  Gehen
  und  Laufen.  Allein  wer  mit  dem  letzten
an  fangen  wollte,  wäre  ein  Thor.  Und
doch  geschieht  das  Nämliche  nicht  selten  beym
Unterrichte.

Fercigkeit  im  Roehwendigen
soll  überhaupt  bey  allem  Unterrichte  der  Anweisung
  zum  mehr  Entbehrlichen,  Künstlichen
  u.  s.  w.  vorhergehen.  Jene  muß  die
erste  unmittelbare  Folge  alles  Lernens  (das
diesen  Nahmen  verdient)  seyn.  Nicht  Wissen
  allein,  sondern  Wissen  und  Benühen  ist
die  Hauptsache.  Was  hilft  es  dem  Kinde,
wenn  es  die  Fragen  der  Religionslehre  (des
Katechismus)  richtig  zu  beantworten  weiß,
wenn  es  weder  auf  Gott  vertrauen,  noch  den
Gebothen  Gottes  gehorchen  gelernt  hat?
Was  nützen  ihm  die  Regeln  des  Rechnens,
wenn  es  nach  Anleitung  derselben  nichts  zu
berechnen  versteh  7—  Wodzu  altgothische
Pergamentbriefe  enträthseln  und  Frakturbuchstaben
  mahlen,  während  es  ihm  noch
an  der  Fertigkeit  den  Druck  zu  lesen  und
eine  gewöhnliche  Kurrentschrift  zu  schreiben
gebricht?