Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Sechster Jahrgang. 1890. (31)

70  Vas  beutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Mai  12.)

noch  so  und  so  viel  Millionen  in  die  Hand  nehmen,  die  wollen  wir  ausgeben,
  dann  werden  wir  so  weit  kommen,  die  Reichshilfe  abstellen  und  die
Sache  sich  selbst  überlassen  zu  können,  —  so  bin  ich  dazu  nicht  im  stande.
Bei  Dingen,  die  sich  der  Einficht  in  ihre  innere  Natur  so  sehr  entziehen,
die  so  viel  Zufälligkeiten  unterworfen  sind,  wie  es  die  Anlage  von  Kolonien
in  Ländern  ist,  die  bis  dahin  nicht  allein  uns,  sondern  auch  allen  anderen
Leuten  unbekannt  waren,  ist  es  rein  unmöglich,  von  heute  auf  zwölf  Monate
  vorauszusagen:  das  und  das  soll  geschehen,  so  und  so  viel  werden  wir
brauchen.  Ich  kann  mich  nur  zunächst  darauf  berufen,  und  vielleicht  gibt
mir  das  eine  gewisse  tides  auch  bei  den  Parteigenossen  des  Herrn  Bamberger,
  daß  ich  eben  kein  Kolonialschwärmer  bin,  daß  ich  mit  ganz  kaltem
Verstande  auch  heute  noch  der  Sache  gegenüberstehe,  und  daß  mit  meinem
Rat  die  Sache  nur  so  weit  gehen  wird,  als  die  Ehre  und  die  Interessen
Deutschlands  es  erfordern.

Der  Herr  Abgeordnete  sieht  im  wesentlichen  die  Kolonialpolitik  als
eine  Geldfrage  an  und  sagt:  Kolonialpolitik  ist  Wirtschaftspolitik;  und  er
hat  in  gewissem  Umfange  darin  Recht,  obwohl  ich  der  Meinung  bin,  er
setzt  die  Grenze  etwas  eng.  Er  hat  dann  diese  Wirtschaftspolitik,  die  die
verbündeten  Regierungen  bisher  in  Bezug  auf  die  Kolonien  betrieben  haben,
in  einem  wenigstens  nicht  günstigen  Sinne  geschildert,  er  hat  Zahlen  für
die  bisherigen  Ausgaben  genannt,  die  nach  meinem  Dafürhalten  erheblich
zu  hoch  gegriffen  sind.  Ich  trage  eine  natürliche  Scheu  dem  gewiegten  Finanzmann
  gegenüber,  auf  einzelne  Details  einzugehen.  Ich  kann  aber  konstatieren,
  daß  er  unter  die  von  ihm  angeführten  Kosten  die  Kosten  für  Dampfersubventionen,
  für  den  Gebrauch  von  Kriegsschiffen,  für  Beamtengehälter
in  die  Kolonialpolitik  eingerechnet  hat,  Kosten,  die  wenigstens  bis  zu  einem
gewissen  Grade  auch  anderen  Zwecken  dienen  und  zum  Teil  unumgänglich
gewesen  wären,  auch  wenn  man  sich  nicht  zu  einer  Kolonialpolitik  enkschlessen
hätte.  Nach  dem  mir  vorliegenden  Material  beläuft  sich  die  Summe,  die
das  Reich  aus  seinem  Säckel  bisher  für  Kolonialpolitik  ausgegeben  hat,  auf
noch  nicht  ganz  5  ½  Millionen,  und  das  Vermögen,  welches  in  Gesellschaften
engagiert  ist,  soweit  ich  das  zu  übersehen  im  stande  bin,  noch  nicht  auf  15
Millionen.

Es  ist  ja  zuzugeben,  daß  bei  dem  Auftreten  der  Kolonialpolitik  eine
große  Menge  von  unklaren  Vorstellungen  unterliefen.  Man  glaubte,  daß
man  nur  die  Hand  auszustrecken  brauchte  und  in  der  einen  Kolonie  dicke
Goldklumpen,  in  der  andern  fertige  Cigarren  finden  würde.  Daß  das  Irrtümer
  sind,  konnte  jeder  Mensch,  der  sich  mit  solchen  Dingen  ernstlich  beschäftigte,
  voraussehen.  So  konnten  die  Dinge  nicht  mehr  laufen;  die  Zeiten
sind  nicht  dazu  angethan.  Das,  was  für  deutsche  Kolonien  noch  übrig  geblieben
  war  an  Grund  und  Boden,  war  auch  nicht  derart,  um  solche  Hoffnungen
  zu  rechtfertigen.  Man  konnte  sich  also  von  Hause  aus  nur  sagen,
daß  nur  mit  Arbeit  —  und  das  ist  nach  meiner  Ansicht  ein  Glück  —  und
nur  langsam  ein  Gewinn  für  Deutschland  und  für  diejenigen,  welche  ihr
Kapital  dort  anlegen  würden,  erwachsen  könnte.  Wenn  eine  große  Masse
sich  darin  in  Unklarheit  befand  und  in  Bezug  auf  die  Kolonien,  auch  auf
den  finanziellen  Teil  derselben  Gefühlspolitik  machte,  so  möchte  ich  dafür
ateine  Erklärung  anführen,  daß  vielfach  eben  die  Einsicht  in  diese  Dinge
ehlte.

Der  Herr  Abgeordnete  führt  uns  das  englische  Beispiel  vor  und  sagt:
Macht  es  doch  wie  die  Engländer,  deren  Gesellschaften  machen  es  allein,  der
Staat  gibt  nichts  zu.  Ja,  wir  würden  das  mit  dem  größten  Vergnügen
thun,  und  wir  geben,  was  ich  in  Bezug  auf  seinen  Schlußpassus  schon  jetzt
bemerken  will,  zu,  daß  das  auch  unser  Ziel  ist,  und  daß  wir  auch  heute  die