Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Sechster Jahrgang. 1890. (31)

Das  dentsche  Reith  und  seine  einzelnen  GSlieder.  (Mai  12.)  69

Rußlands  „wie  ein  Sekretär  Schuwalows“  zu  erfüllen  gesucht.  Trotzdem  sei
Deutschland  im  nächsten  Jahr  von  Rußland  mit  Krieg  bedroht  worden;
darauf  habe  er  sich  erst  entschlossen,  in  Wien  ein  Bündnis  mit  Oesterreich
zu  schließen.  Die  russischen  Wertpapiere  habe  er  niemals  herabdrücken  wollen,
sondern  nur  das  deutsche  Volk  veranlassen,  sein  Vermögen  in  einheimischen
statt  in  ausländischen  Papieren  anzulegen.  Ein  Angriffskrieg  gegen  Rußland
sei  ihm  nie  in  den  Sinn  gekommen,  sowohl  weil  er  die  großen  Verteidigungsmittel
  Rußlands  kenne,  als  auch  weil  Deutschland  nichts  durch  einen  solchen
Krieg  gewinnen  könne.  Der  Erwerb  der  Ostseeprovinzen  sei  nur  denkbar  bei
gleichzeitiger  Erwerbung  Polens;  dadurch  aber  würde  Deutschland  infolge
einer  zu  großen  Bewohnerzahl  von  Polen  und  Katholiken  seinen  Charakter
und  seine  Stärke  einbüßen.  Ueber  den  Besuch  des  Deutschen  Kaisers  in
Konstantinopel  äußert  der  Fürst,  daß  er  gegen  ihn  gewesen  sei,  weil  er  zu
falschen  Gerüchten  über  politische  Absichten  habe  Veranlassung  geben  müssen.

12.  Mai.  (Reichstag.)  Bei  Beratung  des  Nachtragsetats
spricht  sich  Abg.  Bamberger  entschieden  gegen  die  Kolonialpolitik
  aus;  der  Reichskanzler  erwidert:

Der  Herr  Vorredner  hat  sein  Auge  von  dem  engeren  Kreis  der  Vorlage
  auf  die  Kolonialpolitik  im  allgemeinen  gerichtet.  Ich  kann  zunächst
mit  Befriedigung  konstatieren,  daß  er  der  Reichsregierung  das  Zeugnis  ausgestellt
  hat,  sie  habe  die  Berechtigung  gehabt,  sich  bei  dem,  was  sie  bisher
gethan  hat,  mit  dem  Reichstage  in  Uebereinstimmung  zu  wissen.  Das  ist  in
der  That  der  Fall,  und  ich  brauche  die  lange  Reihe  von  Reichstagsbeschlüssen
nicht  anzuführen,  durch  die  der  Reichstag  bekundet  hat,  daß  er  gewillt  war,
die  bisherigen  Schritte  der  verbündeten  Regierungen  zu  unterstützen.  Ich
nehme  das  Benefizium  an  nicht  bloß  pro  praeterito,  sondern  auch  pro
futuro,  und  ich  habe,  wie  der  Mann,  der  vor  mir  an  dieser  Stelle  gestanden
hat,  die  Ueberzeugung,  daß  eine  Kolonialpolitik  nur  so  lange  und  so  weit
ausführbar  ist,  als  sie  an  dem  Willen  und  —  ich  füge  dies  abweichend  von
dem  Herrn  Bamberger  hinzu  —  von  dem  Empfinden  der  Nation  getragen
und  gestützt  wird.

Der  Herr  Abgeordnete  hat  auf  meine  Person  Bezug  genommen  und
angedeutet,  daß  durch  deren  Eintritt  in  das  Amt  vielleicht  ein  Wechsel  in
den  Anschauungen  eintreten  werde.  Ich  muß  das  verneinen.  Ich  glaube,
daß  es  ziemlich  allgemein  unter  denen,  die  mich  früher  zu  kennen  hier  Gelegenheit
  gehabt  haben,  bekannt  geworden  ist,  daß  ich  nicht  zu  den  Freunden
der  Kolonialpolitik  gehört  habe.  Ich  habe  in  meiner  damaligen  Stellung
aus  verschiedenen  Gründen,  und  nicht  bloß  aus  Ressortgründen,  die  Einführung
  der  Kolonialpolitik  zu  jener  Zeit  für  bedenklich  gehalten.  Ich  bin
aber  jetzt  der  Ueberzeugung,  daß  so,  wie  die  Sache  heute  liegt,  wir  nicht
allein  ohne  Verlust  an  Ehre,  sondern  auch  ohne  Verlust  an  Geld  nicht  zurück
  können,  daß  wir  ebensowenig  auf  diesem  Standpunkte  stehen  bleiben
können,  daß  uns  also  nichts  anderes  übrig  bleibt,  als  vorzuschreiten.

Der  Herr  Abg.  Bamberger  hat  wohlwollend  geäußert,  daß,  wenn
die  Regierung  anzugeben  wisse,  bis  zu  welchem  Ziele  sie  vorzugehen  gedenke,
wenn  das  bescheidene  Ziele  wären,  auch  er  und  seine  Parteigenossen  geneigt
sein  würden,  mitzukommen.  Ich  entnehme  daraus  zuerst  mit  Befriedigung,
daß  auch  unter  seinen  Parteigenossen  kein  Mann  ist,  der  etwa  geneigt  sein
karde  die  Rolle  Hannibal  Fischers  für  die  deutschen  Kolonien  zu  übernehmen.


Wenn  er  aber  dann  von  mir  erwartet,  daß  ich  ein  bestimmtes  Programm
  geben,  daß  ich  jetzt  im  stande  sein  sollte,  zu  sagen:  nun  wollen  wir