Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreiunddreißigster Jahrgang. 1917. Erster Teil. (58a)

Denisches  Reih.  (Oftober  9.—10.)  867

9.—10.  Okt.  (Reichstag.)  Alldeutsche  Agitation  im  Heere.
Ausw.  Politik.  Vereins=  und  Versammlungsrecht.

Das  Haus  setzt  nach  Erledigung  kl.  Anfragen  zunächst  die  Besprechung
der  Interpellation  der  Soz.  betr.  Agitation  durch  Vorgesetzte  im
Heere  zugunsten  alldeutscher  Politik  (s.  S.  846  ff.)  fort.

Abg.  Dittmann  (U.  Soz.):  Durch  die  Verhandlungen  im  Ausschuß
ist  unser  Urteil  über  das  Verhalten  der  Regierung  in  keiner  Weise  geändert,
  vielmehr  sind  wir  darin  bestärkt  worden,  daß  eine  weitgehende
Propaganda  durch  die  Vorgesetzten  im  Heere  betrieben  worden  ist,  und  daß
darin  auch  nichts  geändert  werden  wird.  Was  General  v.  Stein  und
Dr.  Helfferich  am  Sonnabend  (6.)  hier  gesagt  haben,  kann  nicht  etwa  ein
Lapsus  linguse  gewesen  sein,  sondern  entspricht  tatsächlich  der  Auffassung
der  Reichsregierung,  und  deshalb  wird  auch  die  gestrige  Beschwichtigungsrede
  des  Reichskanzlers  im  Auslande  nur  den  Schein  der  Unaufrichtigkeit,
Zweideutigkeit,  Unehrlichkeit  und  Falschheit  erwecken.  (Präsident  Dr.  Kaempf
ruft  den  Redner  zur  Ordnung.)  Auch  im  Inland  werden  durch  die  Rede
des  Reichskanzlers  Empfindungen  ausgelöst,  die  das  Vertrauen  des  Volkes
nicht  steigern  werden.  Wer  einen  Verständigungsfrieden  will,  muß  verlangen,
daß  mit  einem  hörbaren  Ruck  von  der  alldeutschen  Propaganda  abgerückt
werde.  Indem  die  Mehrheit  das  nicht  tut,  täuscht  sie  sowohl  die  Freunde
eines  Verständigungsfriedens  als  auch  die  Kriegshetzer  in  unehrlicher  Weise.
(Präsident  Dr.  Kaempf  ruft  den  Redner  von  neuem  zur  Ordnung.)  Der
Reichskanzler  ist  nicht  von  der  Propaganda  abgerückt,  die  im  Heere  gegen
den  Verständigungsfrieden  getrieben  wird,  und  zwar  nicht  von  untergeordneten
  Stellen,  sondern  von  den  höchsten  Kommandostellen.  Die  verlesenen
  Anweisungen,  die  von  harmlosen  Naturen  für  unbedenklich  gehalten
werden,  gehen  nur  bis  zu  den  Divisionen  herunter,  die  Ausführung  liegt
bei  den  unteren  Offizieren,  die  in  alldeutschen  Empfindungen  aufgewachsen
sind.  Der  Redner  führt  eine  Reihe  von  Beispielen  für  die  alldeutsche  Propaganda
  in  der  Armee  an.  Und  dabei  wünschen  99  Proz.  aller  Frontsoldaten
  einen  Verständigungsfrieden.  Während  die  Verbreitung  der  alldeutschen
  Organe  in  der  Armee  gefördert  wird,  werden  unsere  Organe
unterdrückt,  die  sozialdemokratische  Gesinnung  im  Heer  und  vor  allem  in
der  Marine  wird  bestraft.  Langjährige  Gefängnis=  und  Zuchthausstrafen
sind  verhängt  worden  lediglich  wegen  sozialdemotratischer  Gesinnung,  lediglich
  wegen  der  Werbung  von  Mitgliedern  für  die  Unabhängige  Sozialdemokratie.
  Ich  frage  den  Reichskanzler,  ob  es  wahr  ist,  daß  annähernd
200  Jahre  Zuchthaus  deshalb  verhängt  sind,  und  daß  sogar  Todesurteile
gefällt  und  Soldaten  erschossen  worden  sind  wegen  ihrer  soz.  Gesinnung.
Selbstverständlich  hängen  die  Leute  nur  um  so  mehr  an  ihren  verbotenen
Organisationen,  durch  noch  so  schlimme  Gewaltmaßregeln  reißt  man  ihnen
die  politische  Gesinnung  nicht  aus  dem  Herzen;  auch  nicht  durch  die  Achtgroschenjungen,
  die  jetzt  wieder  in  der  Armee  ihr  Wesen  treiben.  Das  Lockspitzeltum
  als  Einrichtung  der  deutschen  Armee!  Höher  geht's  wohl  nicht
mehr.  Das  gleiche  Recht,  das  wir  haben,  wird  illustriert  durch  eine  kriegsministerielle
  Verfügung,  daß  die  Generalkommandos  alle  Pazifistenversammlungen
  verbieten  sollen.  Die  Versammlungen  der  Vaterlandspartei  werden
behördlich  unterstützt,  uns  Unabh.  Soz  ist  es  überhaupt  kaum  noch  möglich,
eine  Versammlung  abzuhalten;  die  Alldeutschen  dagegen  fühlen  sich  vollkommen
  als  Herren  der  Situation.  Sie  sind  ja  auch  die  wahren  Machthaber.
  Unter  Bethmann  Hollweg  war  wenigstens  noch  eine  Strömung  dagegen
  in  der  Regierung  bemerkbar,  unter  Michaelis  toben  sie  sich  hemmungslos
aus.  Das  ist  der  Fortschritt  und  die  Neuorientierung.  (Sehr  wahr!  bei

557