Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreiunddreißigster Jahrgang. 1917. Erster Teil. (58a)

774  Beutschen  Neich.  (August  25.)

Hilfsrat  eine  Art  Reichsrat  zu  entwickeln,  so  würde  das  bei  seiner  Fraktion
  auf  unüberwindliche  Bedenken  stoßen.  Schon  der  vorgeschlagene  Hilfsrat
  habe  durch  Zuziehung  von  Bundesratsmitgliedern  staatsrechtliche  Bedenken.
  Wenn  da  und  dort  davon  geredet  werde,  daß  sich  der  Reichstag
eine  Macht  anmaße,  die  ihm  nicht  zustehe,  so  müsse  dagegen  eingewendet
werden,  daß  der  Reichstag  einen  ganz  legitimen  Einfluß  ausübe.  Bei  der
Berufung  der  neuen  Männer  sei  seine  Partei  nicht  gefragt  worden.  Ihnen
ständen  seine  Freunde  abwartend  gegenüber.  Verlangt  werden  müsse  eine
paritätische  Besetzung  der  Reichsstellen  und  der  Beamtenstellen.  Die  Wünsche
der  stärksten  Partei  dürften  nicht  dauernd  unberücksichtigt  bleiben.

Abg.  Dr.  Stresemann  (Natl.)  erklärt,  die  heutige  Reichsverfassung
sei  zustande  gekommen  nach  den  Bedürfnissen  der  damaligen  Zeit  und  des,
Mannes,  der  erster  Reichskanzler  gewesen  sei.  Bismarck  hätte  zweifellos
längst  die  Verfassung  nach  den  Bedürfnissen  der  heutigen  Zeit  ausgebaut
und  Verbesserungen  in  dem  gewünschten  Sinne  durchgeführt.  Die  Erfabrungen
  des  Krieges  hätten  die  Schwächen  unseres  Regierungssystems  insbesonderc
  auf  dem  Gebiete  der  auswärtigen  Politik  gezeigt.  Nach  dem
Kriege  erwüchsen  Aufgaben,  die  nicht  von  wechselnden  Mehrheiten  durchgeführt
  werden  könnten.  Die  parlamentarisch  regierten  Staaten  hätten  in
diesem  Kriege  Belastungsproben  ausgehalten,  wie  man  sie  nicht  für  möglich
  gehalten  habe.  Seine  Freunde  wollten  nicht  das  große  Werk  Bismarck--zerstören,
  sondern  ausbauen,  wie  es  der  Reichsentwicklung  und  den  Bedürfnissen
  entspricht.  Einen  Fortschritt  gegen  früher  erblicke  er  in  dem  Verlassen
  des  Systems,  Männer  für  die  Regierung  nur  immer  aus  gewissen
Richtungen  und  engen  Schichten  zu  entnehmen.  Er  denke  da  an  die  Berufung
  eines  Soz.,  die  früher  nicht  möglich  gewesen  wäre.  Für  die  Stelle
eines  Chefs  der  Reichskanzlei  hätte  eine  parlamentarisch  geschulte  Kraft  im
Interesse  des  Reichskanzlers  selbst  gewählt  werden  sollen.  Auch  die  Verschiebung
  des  Führers  der  Zentrumspartei  in  ein  preuß.  Ministeramt  habe
nicht  befriedigt.  Unzweifelhaft  werde  ihm  durch  Niederlegung  des  Abgeordnetenmandates
  die  Fühlung  mit  der  Partei  erschwert.  Der  Verfassungsausschuß
  müsse  die  Frage  weiter  prüfen,  ob  nicht  der  auf  einen  Ministerposten
  Berufene  Parlamentarier  bleiben  könne.  Den  vorgesehenen  Hilfsrat
  begrüße  er.  Eine  Hinausschiebung  der  inneren  Reform  mit  dem  Vorgeben,
  daß  innere  Fragen  mit  den  auswärtigen  nichts  zu  tun  hätten,  sei
nicht  angängig.  Staatssekretäre  ohne  Portefeuille  seien  für  ihn  keine  angenehme
  Erscheinung  und  jedenfalls  nicht  wünschenswert  für  die  Zukunft.

Reichskanzler  Dr.  Michaelis  macht  sodann  noch  folgende  Ausführungen:
  Ich  bin  dankbar,  daß  Sie  Ihre  Bereitwilligkeit  ausgesprochen
haben  zur  Mitarbeit  an  der  Durchführung  der  von  mir  gemachten  Vorschläge.
  Was  sich  als  brauchbar  herausgestellt  und  für  die  Dauer  als  zweckmäßig
  erweist,  wollen  wir,  von  dem  ersten  praktischen  Falle  ausgehend,  in
gemeinsamer  Beratung  festzulegen  suchen.  Die  Notwendigkeit,  über  gewisse
grundlegende  Fragen  in  einem  enger  begrenzten  Kreise  zu  verhandeln,  damit
  die  Vertraulichkeit  gewahrt  bleibt,  ist  erwiesen.  Wenn  ich  gesagt  habe,
daß  die  Mitglieder  des  neuen  Ausschusses  nicht  als  Bevollmächtigte  der
Regierung  oder  Parteien  zu  betrachten  seien,  so  habe  ich  ausdrücken  wollen,
daß  es  ausgeschlossen  ist,  daß  in  jedem  einzelnen  Falle  ein  Bertreter  der
Partei  oder  der  Regierung  mit  einer  Instruktion  in  den  Ausschuß  hineingeht
  oder  nach  der  Beratung  an  die  Partei  Bericht  erstattet.  Die  Dinge,
die  im  Werden  sind,  die  der  Aenderung  noch  unterliegen  oder  die  noch  in
einem  Zwischenstadium  sind  und  nicht  vor  der  Oeffentlichkeit  erörtert  werden
  dürfen,  wollen  wir  vertrauensvoll  miteinander  durchberaten  und  dann
schließblich  zu  einer  Lösung  kommen,  die  der  Oeffentlichkeit  übergeben  wer-