Full text : Medizinal-Statistische Mittheilungen aus dem Kaiserlichen Gesundheitsamte. Achter Band. (8)

—  318  —

Normales  Kälberserum,  intravenös  oder  intraperitoneal  in  Mengen  von
80  bezw.  220  cem  einverleibt,  ließ  den  Verlauf  der  4  Stunden  später  erfolgten  Impfung
unberührt.  Die  entstandenen  Pocken  erreichten  bei  vollkommen  normaler  Entwickelung  zur
Durchschnittszeit  (spätestens  am  Ende  des  5.  Tages)  ihre  Reife.

Gewöhnliches  Immunserum,  subkutan  in  kleinen  Mengen  (75  cem)  angewendet,
beeinflußte  die  24  Stunden  später  vorgenommene  Impfung  nicht.  Große  Mengen  (1020  cem)
nach  und  nach  im  Verlaufe  mehrerer  Tage  beigebracht,  gestalteten  den  Verlauf  der  48
Stunden  nach  der  letzten  Einspritzung  stattgehabten  Impfung  vollkommen  abortiv.  Der
letztere  Versuch  bestätigte  die  von  den  genannten  französischen  Forschern  im  Jahre  1896
veröffentlichten  Erfahrungen.

Hochwertiges  Immunserum,  intravenös  beigebracht,  verzögerte  bei  2  Kälbern
in  der  kleineren  (50  cem)  wie  in  der  größeren  Menge  (100  cem)  die  24  wie  Zmal  24
Stunden  nach  der  Einspritzung  vorgenommene  Impfung  der  Art,  daß  die  Pocken  die  Höhe
ihrer  Entwickelung  erst  nach  nahezu  6  Tagen  erreichten.  Es  machte  dies  in  Anbetracht  der
warmen  Jahreszeit,  während  der  die  Versuche  stattfanden,  mindestens  einen  Tag  aus.  Denn
die  durchschnittliche  Reifezeit  stellte  sich  im  Jahre  1903  auf  5  /8  Tage  und  dabei  waren
38  von  den  44  zur  Lymphegewinnung  verwendeten  Kälbern  in  der  kälteren  Jahreszeit
(Ende  Februar  bis  Mitte  April)  geimpft.

Hochwertiges  Immunserum,  intraperitoneal  in  kleineren  (190  cem)  wie
größeren  Mengen  (500  cem)  angewendet,  hemmte  die  4  bezw.  18  Stunden  nach  der  Einspritzung
  vorgenommene  Impfung  in  gleicher  Weise,  indem  sie  das  Reifen  der  Pocken  ebenfalls
  um  mindestens  einen  Tag  hinausschoben.  Bei  der  größeren  Menge  trat  dieser  Erfolg
ganz  unzweifelhaft  hervor.  Es  erschien  dies  um  so  mehr  von  Bedeutung,  als  es  bei  dem
mit  der  kleineren  Menge  behandelten  Kalbe  zweifelhaft  ist,  ob  nicht  auch  die  untergelaufene
leichte  Verdauungsstörung  zu  der  beobachteten  Verzögerung  beigetragen  hat.

Es  wurde  während  der  Versuche  die  Erfahrung  gemacht,  daß  Kälber  von  etwa  55  kg
Gewicht  zwar  die  Entziehung  von  1  1  Blut  ausnahmslos  sehr  gut  vertragen,  aber  auf  die
Einspritzung  von  Kälberserum  jeder  Art,  mag  sie  intravenös  oder  intraperitoneal  geschehen,
außerordentlich  ungleich  reagieren.  Während  einzelne  Tiere  nach  der  Einspritzung  in  ihrem
Befinden  keine  Störung  zeigten,  boten  andere  die  schwersten  Erscheinungen.  Kann  schon
das  Normalserum  letztere  herbeiführen,  so  scheint  dies  von  dem  Immunserum  in  noch
höherem  Maße  zu  gelten.  Bei  einem  Kalbe  riefen  50  cem  hochwertiges  Immunserum,  mit
aller  Vorsicht  intravenös  eingespritzt,  die  bedrohlichsten  Zeichen  von  Lungenödem  hervor,
dem  ein  anderes  Kalb  10  Minuten  nach  ebenfalls  intravenöser  Einverleibung  derselben
Menge  erlag.  Das  Lungenödem  trat  so  heftig  auf,  daß  schon  die  kurz  vor  dem  Tode  aus
dem  Maule  hervortretende  Odemflüssigkeit  blutig  gefärbt  war.  Dennoch  gelang  es  bei  der
sorgfältigen  Untersuchung  des  Kadavers  nicht,  das  mindeste  von  abnormen  Gerinnselbildungen,
Infarkten  oder  gar  Lufteintritt  in  die  Gefäße  der  Lunge  nachzuweisen.  Abgesehen  von  dem
Lungenödem  waren  alle  inneren  Organe  gesund,  nur  die  außerhalb  der  Bauchhöhle  gelegenen
ziemlich  blutleer.

Ausführlichere  Mitteilung  verdienen  die  in  dieser  Beziehung  bei  einem  Holländer  Kalb
von  86  kg  gemachten  Erfahrungen.  Bei  ihm  mußte  die  intravenöse  Einspritzung  von
Normalserum  bei  50  cem  abgebrochen  werden,  da  Lungenödem  in  bedenklicher  Weise  sich
einstellte,  worauf  das  Tier  bis  zum  späten  Abend  kraftlos  und  kurzatmig  blieb  und  Nahrung
nicht  annahm.  Vom  nächsten  Morgen  an  vollkommenes  und  weiterhin  ununterbrochenes
Wohlbefinden.  Am  8.  Tage  nach  der  intravenösen  Einspritzung  wurden  dem  Tiere  400  cem
hochwertiges  Immunserum  intraperitoneal  einverleibt.  Danach  war  es  ziemlich  matt,  soff