Full text : Regierungs-Blatt für das Großherzogthum Sachsen-Weimar-Eisenach auf das Jahr 1838. (22)

J.  Der  Friede  zu  Tilsit.  411

den  König  berieten,  keine  Bürgschaft  dafür  gaben,  daß  Preußen
ausharren  und  sich  auf  einen  Separatfrieden  nicht  einlassen
werde.  Mochte  der  König  noch  so  feierlich  versichern,  seine
Interessen  seien  mit  denen  Rußlands  unlöslich  verknüpft,  und
er  werde  die  Waffen  nur  mit  des  Zaren  Zustimmung  nieder—
legen:  die  Entlassung  Steins,  welche  die  Hoffnung  auf  eine
große  Kraftanstrengung  Preußens  vereitelte,  und  die  Berufung
eines  Zastrow  hatte  tief  verstimmt:  man  versah  sich  von  Preußen
eines  plötzlichen  Rückfalls  in  die  Neutralitäts=  und  Friedenspolitik.


So  blieb  Preußen  zunächst  ohne  Hilfe.  Neue  Unglücksbotschaften
  kamen  von  allen  Seiten.  Schon  näherten  sich  die
Franzosen  Königsberg.  Am  3.  Januar  floh  die  königliche  Familie
  von  dort  nach  Memel.  Der  König  und  die  Königin
machten  sich  am  6.  dorthin  auf  den  Weg,  die  Königin,  kaum
von  schwerer  Krankheit  genesen,  in  eiliger  Wagenfahrt  über
die  kurische  Nehrung.  Ein  Teil  der  noch  vorhandenen  Gelder
und  Kostbarkeiten  wurde  zu  Schiff  nach  Kopenhagen  geschickt,
andere  zum  Transport  nach  Riga  bereit  gestellt,  wohin  der
König  selbst  im  Notfall  gehen  wollte.  Inzwischen  wurde  auch
Schlesien  fast  ganz  okkupiert,  nicht  ohne  daß  neue  Schmach  die
preußische  Waffenehre  befleckte.  Ohne  Schwertstreich  ergab  sich
(2.  Dezember)  Glogan.  Nach  anfänglichem  Widerstand,  dem
die  Entschlossenheit  der  Bürgerschaft  auch  Erfolg  verhieß,  öffnete
Breslau  (5.  Jannar  1807)  doch  vorzeitig  die  Thore.  Noch  übereilter
  verzichtete  Brieg  (16.  Januar)  auf  die  Verteidigung.
Unter  ganz  besonders  schimpflichen  Umständen  aber  nahm
Schweidnitz  (8.  Februar)  den  Feind  auf.  Kosel,  Glatz  und
Neisse  retteten  zwar  die  Ehre  des  preußischen  Namens:  das
Verhängnis  abzuwenden  vermochten  sie  nicht.  Mit  einem  kleinen
Freiwilligencorps  bereitete  Graf  Goetzen  eine  Volkserhebung
vor,  die  zum  Ausbruch  kommen  sollte,  sobald  Oesterreich  sich
für  Preußen  erklärte.  In  Pommern  hielt  sich,  alten  Nuhmes
eingedenk,  Kolberg.  Auf  die  Bitte  der  Bürgerschaft  um  einen
zum  Aeußersten  entschlossenen  Kommandanten  dorthin  geschickt,
zeigte  Major  v.  Gneisenau,  was  vom  rechten  Geiste  beseelt  und
von  dem  rechten  Mann  gelenkt,  eine  kleine  Schar  zu  leisten