Foß: Der Seekrieg 1915/16
Der offenbar durch das britische Auswärtige Amt
für die Offentlichkeit zurechtgestutzte Bericht Jellicoes
über die Schlacht spricht von schweren deutschen Verlusten.
Was er in dieser Hinsicht mitteilt, entspricht
in keiner Weise den Tatsachen. Es kann sich dabei
nicht um 2 Irrtümer handeln, sondern es ist wissentlich
gelogen, um die eigene Bevölkerung, die der
Verbündeken und Neutralen irrezuführen, die Niederlage
in einen Sieg umzulügen. Ubrigens pflegt man
nach einem »Siege« nicht Führer abzusetzen, wie es
die britische Regierung mit dreien der beteiligten
Admirale getan hat, darunter den Führer der Aufklärungsflotte,
Vizeadmiral Beatty.
Es haben in der Schlacht 16 wesentlich größere
britische Großkampfschiffe gesen ebenso viele deutsche,
9 größere und schnellere britische Schlachtkreuzer gegen
5 deutsche, 6 britische Panzerkreuzer gegen ebenso viele
deutsche veraltete Linienschiffe, die kleiner und sehr
viel langsamer waren, 20 ganz neue britische Kleine
Kreuzer gegen 5 neue und 3alte deutsche gefochten. An
Torpedofahrzeugen standen 140 britische von 1000 bis
1900 t gegen 40 deutsche, die durchschnittlich 600 t
maßen.
An schweren Geschützen standen sich gegenüber:
deutscherseits
138 30,, em mit 58820 Ug Geschoßgewicht
84 2 e. 25200 - -
7900 kr
britischerseits
60 88,1 cm mit 53 100 k Geschoßgewicht
160 84,, „ ., 90720 = -
180 3035 50 115 -- -
Tos %5 us
Damit war die schwere britische Artillerie der deutschen
um das 2,fache überlegen.
Noch stärker war verhältnismäßig die mittlere
britische Artillerie der deutschen gegenüber: von deutschen
standen 84: 17 cm-, 304;: 15 cm- und 90: 10,5
em-, englischerseits 22: 19 cm-, 341: 15,2 em-, 674:
10,2 em · Schnelladekanonen im Feuer.
Daß die deutsche Flotte gegen eine so bedeutende
berlegenheit siegreich bleiben konnte, bewirkte eine
ganze Reihe von Umständen. Zunächst war die taktische
Führung auf deutscher Seite besser. Admiral
Scheer wurde von seinen Admiralen und Kommandanten
in geradezu mustergültiger Weise unterstützt.
Die gesamten Besatzungen waren von einem Geiste
durchglüht, wie man ihn besser nicht denken kann.
Eine zielbewußte kriegsmäßige Schulung, die allen
denkbaren Vorkommnmissen Rechnung trug, hatte in
langjähriger Arbeit das Personal so ausgebildet, daß
alle im Material schlummernden Kräfte herausgeholt
wurden. Das Material selbst, besonders die Artillerie,
war hervorragend. Geschlütze, Lafeiten, Geschosse und
B#der. haben gearbeitet, wie man erwartet hatte.
ie Schiffe, mit allen ihren Einrichtungen, besonders
der Unterwasserschutz und der Panzer, bewährten sich
glänzend. Ein Schiff hatte 3500 t Wasser im Raum
und blieb auf seiner Station; man wußte, daß es
9000 t tragen könne, ohne zu sinken. Panzerplatten,
die 28 cm-Granaten abweisen sollten, haben 34 cm-Geschosse
abgehalten. Ein schweres britisches Geschoß
traf einen Kommandoturm; die in ihm Befindlichen
glaubten, eines der eigenen in der Nähe stehenden
eschütze habe gefeuert.
Das von der deutschen Flotte Erreichte darf um so
höher eingeschätzt werden, als es einem Gegner abgerungen
wurde, dessen Mut und technisches Können
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mit Recht sehr hoch bewertet werden. Die britischen
Seeleute haben glänzend gefochten, und vortrefflich
war auch das ihnen zur Verfügung stehende Material.
Nur die Geschütze standen nicht au der Höhe. Die bei
Beginn der Schlacht dicht beisammen liegenden Salven
ließen nach einigen Stunden zu wünschen übrig. Offenbar
waren die Kanonen der Gewaltprobe nicht gewachsen,
der sie hier unterworfen worden waren.
Die großen Brände auf den britischen großen
Schiffen und Zerstörern erklären sich mit dem flüssigen
Heizmaterial, das die Briten benutzen. Es wurde
durch die Granaten entzündet und trug die Glut Über
das ganze Schiff.
Im übrigen hatte das Parlament nie mit den Mitteln
für die Flotte gegeizt und der Regierung höchstens
den Vorwurf gemacht, daß sie nicht genug fordere.
Aber bei aller Anerkennung für die britische Marine
darf doch gesagt werden, daß auf deutscher Seite
immer noch nach allen diesen Richtungen hin ein gewisses
Plus blieb, das die Wagschale des Sieges sich
*7 unseren Gunsten senken ließ. Hätte ein freundliches
eschick gewollt, daß die Schlacht nur drei Stunden
früher begann, so hätte Admiral Scheer wahrscheinlich
die nötige Zeit gehabt, um das Erreichte zu einem so
entscheidenden Siege auszubauen, wie das 111 Jahre
früher Trafalgar für die britische Weltherrschaft und
seine Sermochtstellung geworden war. Vorläufig bestand
der Wert des deutschen Erfolgs hauptsächlich
darin, daß der Glaube der Welt an die Unbesiegbarkeit
der britischen Flotte schwer erschüttert wurde.
Man hat englischerseits die Unverfrorenheit gehabt,
von der Schlacht als einem zweiten Trafalgar zu
sprechen. Wollten wir darauf eingehen, so könnte
das nur in dem Sinne sein, daß am 31. Mai 1916
die Briten die Rolle übernommen haben, die 1805
die Franzosen und Spanier spielten.
Die Absperrung der Mittelmächte blieb unbeein.
fünt, denn sie wird durch die geographische Lage
erart begünstigt, daß, wenn die Briten in Deutschland
säßen und die Russen in England, selbst die lesteren
bei einigermaßen vernünftigem Verhalten imstande
sein müßten, die Briten vom Weltverkehr abzuschließen.
Nach der Schlacht sind folgende Häfen für die
Schiffahrt gesperrt worden: YBarmouth, Newoastle,
Hull. Überall wurde an der Ausbesserung der Schiffe
earbeitet. An der Nordostecke Schottlands und bei den
Ertneys wurden neun Minenfelder ausgelegt. Auch
in der Irischen See wurden mehrere Häfen gesperrt.
VI. Gnsee.
Über die Ereignisse in der Ostsee flossen die Nachrichten
spärlich; die Kriegsereignisse dort sind nicht
derart klargestellt, daß es möhlich wäre, sie sachlich zu
schildern. Unverkennbar hat die Seekriegführung mit
der des Heeres in Beziehungen gestanden; in welchen
ist noch nicht zu sagen.
Die Beobachtung derrussischen Seestreitkräfte wurde
fortgesetzt und hat nicht unerhebliche Opfer gekostet.
Windau und Libau haben scheinbar als Stützpunkte
Verwendung gefunden. Gegen die feindlichen Schiffe
und Fahrzeuge, Werften und sonstige militärische Einrichtungen
wurden verschiedentlich Vorstöße und Luftangriffe
unternommen. Wiederholt wurden auch Verluste
und Beschädigungen russischer Kriegsschiffe gemeldet;
doch fehlte es auch nicht an sehr viel schwereren
deutschen. Der Schutz des deutschen Seehandels