thumbs : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreiunddreißigster Jahrgang. 1917. Erster Teil. (58a)

46  Veuisches  Reich.  (Januar  18.—19.)

Stadium  getreten.  Großes  ist  in  jeder  Beziehung  geleistet  worden,  auch  von
unseren  U-Booten;  ihre  Erfolge  können  ohne  Zweifel  aber  noch  viel  höher
gesteigert  werden.  Wir  haben  in  diesem  Punkte  zu  unserer  Obersten  Heeresleitung
  das  vollste  Vertrauen.  Unsere  vortrefflichen  Truppen  haben  an  allen
Fronten  Ausgezeichnetes  vollbracht.  Daneben  wetteifern  die  Frauen  mit
den  Männern,  hat  die  Industrie  in  Verbindung  mit  allen  anderen  Berufsständen
  Bewunderungswürdiges  geleistet.  Die  Landwirtschaft  hat,  wenn  auch
in  knapper  Weise,  die  Volksernährung  aufrechterhalten;  Anerkennung  verdient
  auch  die  gesamte  Arbeiterschaft.  Wenn  wir  sehen,  daß,  um  die  Entwicklungsfähigkeit
  des  Vaterlandes  und  seiner  Bevölkerung  zu  sichern,  in
allen  Volksschichten  alt  und  jung,  hoch  und  niedrig,  Männer  und  Frauen
mit  voller  Anspannung  aller  Kräfte  zusammenwirken,  so  kann  und  wird  der
Erfolg  nicht  ausbleiben;  wir  werden  kämpfen  bis  zum  glorreichen  Siege!

Abg.  v.  Kardorff  (Freikons.):  Zur  Erörterung  der  großen  Fragen  der
Gesamtpolitik  ist  die  Zeit  noch  nicht  gekommen.  Wenn  einmal  der  Friede
da  sein  wird,  werden  wir  an  diesen  Fragen  vom  Standpunkt  des  konservativen
  Fortschritts  mitarbeiten.  Was  die  polnische  Frage  betrifft,  so
sind  wir  einigermaßen  enttäuscht  worden  durch  die  Erklärung,  die  der  polnische
  Führer  bei  der  Erörterung  des  Antrages  Heydebrand  seinerzeit  abgegeben
  hat.  Ich  will  hier  kein  neues  Programm  entwickeln,  möchte  aber
doch  zur  Erwägung  anheimgeben,  ob  es  nicht  etwa  unter  voller  Wahrung
der  deutschen  Interessen  möglich  wäre,  später  eine  Aufhebung  des  Enteignungsgesetzes
  vorzuschlagen.  Meine  politischen  Freunde  würden  kein  Bedenken
  tragen,  dem  zuzustimmen.  Ebenso  wäre  es  wohl  zutreffend  und
zweckmäßig,  das  Ansiedlungsgesetz  zu  mildern.  Es  geht  auf  die  Dauer  nicht
an,  die  Ansiedlung  eines  Polen  auf  polnischem  Grund  und  Boden  zu  verbieten.
  Alles  das  hat  unzweifelhaft  sehr  viel  mehr  geschadet  als  genützt.
Der  Kernpunkt  der  ganzen  Frage  scheint  mir  daran  zu  liegen,  ob  es  nicht
möglich  ist,  mit  der  katholischen  Kirche  zu  einer  Verständigung  zu
gelangen  hinsichtlich  der  Erteilung  des  Religionsunterrichts.  Geschieht
dies,  so  kann  der  polnische  Klerus,  von  dem  ich  gern  anerkenne,  daß
er  sich  während  des  Krieges  außerordentlich  ruhig  und  loyal  benommen
hat,  aus  der  großpolnischen  Propaganda  losgelöst  werden.  Auch  wir  verkennen
  nicht  die  Gefahren,  die  durch  die  neue  Gründung  eines  polnischen
Reiches  herbeigeführt  werden  können,  aber  wir  glauben,  daß  der  Versuch
gemacht  werden  kann  und  daß  dieses  Experiment,  wenn  ich  so  sagen  darf,
zu  einem  guten  Ende  führt.  Eine  derartige  Verständigung  mit  der  Kirche
würde  ich  auch  vom  Standpunkte  des  interkonfessionellen  Friedens  begrüßen.
Nach  dem  Kriege  wird  es  unser  Bestreben  sein,  das  politische  Leben  nach
Möglichkeit  von  Gegensätzen  frei  zu  machen.  Wir  haben  volles  Verständnis
für  manche  Ihrer  (zum  Zentrum)  Wünsche,  volles  Verständnis  für  die  unwürdige
  Lage,  in  der  sich  Ihr  geistliches  Oberhaupt,  der  Papst,  befindet.
Ich  kann  aber  nicht  zugeben,  daß  auch  Ihre  Paritälsbeschwerden  berechtigt
sind,  soweit  sie  sich  auf  die  allgemeine  Staatsverwaltung  beziehen.  Wir
haben  allerdings  sehr  wenig  katholische  Regierungspräsidenten  und  Landräte.
  Das  liegt  aber  mit  daran,  daß  Sie  sich  der  inneren  Verwaltung  nicht
in  demselben  Umfange  zugewendet  haben.  Ich  würde  mich  freuen,  wenn
sich  die  Katholiken  mehr  der  inneren  Verwaltung  zuwenden  würden.  Wir
müssen  auf  beiden  Seiten  nicht  umlernen,  sondern  zulernen.  Was  das
preußische  Wahlrecht  anbetrifft,  so  sind  auch  meine  politischen  Freunde
bereit,  an  einer  Reform  dieses  Wahlrechts  mitzuarbeiten.  Auf  die  Dauer
können  Besitz  und  Vermögen  nicht  allein  maßgebend  sein,  es  müssen  auch
die  persönlichen  Verhältnisse  nach  Möglichkeit  mehr  berücksichtigt  werden  als
bisher.  Unter  keinen  Umständen  darf  die  Abänderung  unseres  Wahlrechts