Volltext : Regierungs-Blatt für das Großherzogthum Sachsen auf das Jahr 1903. (87)

reichen  einer  auskömmlichen  Existenz  von  der  Allgemeinheit  erleichtert
wird.  Es  kommt  auch  ferner  dazu,  daß  der  Aufstieg  aus  den  unteren
Klassen  und  der  Ausgleich  mit  diesen  gefördert  wird,  wodurch  dem
Kastengeist  die  Stacheln  genommen  werden,  wodurch  überhaupt  an
dessen  Stelle  ein  geläutertes  Klassenbewußtsein  tritt,  das  als  der  Ausdruck
  eines  erhöhten  Pflichtgefühls  und  eines  stark  ausgeprägten  Ehrgefühls
  zu  gelten  hat.

Aus  Vorstehendem  ergibt  sich  nun  von  selbst  die  Frage,  ob  es  bei
der  kapitalistischen  Wirtschaftsform,  die  an  sich  noch  notwendig  ist  und
stellenweise  mit  größeren  Mitteln  arbeiten  muß,  erforderlich  ist,  daß
sich  überhaupt  große  Kapitalien  in  einer  Hand  befinden.  Diese  Frage
ist  aus  verschiedenen  Gründen  für  eine  absehbare  Zeit  noch  zu  bejahen.
Vor  allen  Dingen  soll  der  Erwerb  großer  Mittel  nicht  beeinträchtigt
werden,  soweit  dieser  auf  Initiative,  Unternehmungslust.  Erfindungsgeist
  und  angestrengte  Arbeit  zurückzuführen  ist,  damit  diese  Vorzüge
nicht  gelähmt  werden,  und  da  es  für  eine  vorteilhafte  Betätigung  derselben
  in  vielen  Fällen  notwendig  ist,  daß  der  Betreffende  unabhängig
über  größere  Mittel  verfügt.

Für  das  Großkapital  in  einer  Hand  kommt  neben  Großindustrie
und  Großhandel  hauptsächlich  der  Großgrundbesitz  in  Frage.  Wenn
es  auch  im  nationalen  Interesse  nicht  vorteilhaft  ist,  daß  sich  viel  Großgrundbesitz
  in  einer  Gegend  befindet,  so  ist  doch  anderseits  im  Interesse
der  großen  Städte  und  der  dicht  bevölkerten  Industriegebiete  ein  solcher
überhaupt  notwendig,  da  er  deren  Ernährung  vom  vaterländischen
Grund  und  Boden  gegenüber  dem  Kleingrundbesitz  erheblich  erleichtert.
Es  mag  ja  sein,  daß  der  Kleingrundbesitz,  dem  mehr  menschliche  Hilfskräfte
  zur  Verfügung  stehen,  den  Anbau  der  Hackfrüchte  bevorzugt  und
dadurch  relativ  mehr  Nährwert  aus  dem  Acker  herausholt  als  der
Großgrundbesitz.  Der  letztere  arbeitet  aber  wieder  mehr  mit  Maschinen,
  so  daß  er  verhältnismäßig  weniger  Arbeitskräfte  und  Zugvieh
beschäftigt,  wodurch  der  Verbrauch  bei  ihm  ein  relariv  geringerer  ist,
so  daß  er  einen  größeren  Uberschuß  zur  Verfügung  stellen  kann,  zumal
die  Arbeitskräfte  des  Großgrundbesitzers  auch  eine  erheblich  geringere
Lebenshaltung  haben  als  diejenigen  der  Kleinbauern.  Hierauf  aber
näher  einzugehen  und  es  mit  Zahlen  zu  belegen,  sowie  die  soziale  Bedeutung
  der  Großkapitalisten  klarzustellen,  das  überschreitet  den  Rahmen
  dieser  Schrift  und  soll  Aufgabe  einer  späteren  Arbeit  sein.

Für  die  Großindustrie  ist  es  weniger  erforderlich,  daß  sich  größere
Kapitalien  in  einer  Hand  befinden,  da  hier  Aktiengesellschaft  und  Gesellschaften
  mit  beschränkter  Haftung  Unternehmen  und  Risiko  für  den
Einzelnen  verringern  können.  Die  Großindustrie,  soweit  sie  durch
politische  Bestrebungen,  durch  Privatmonopole  und  Syndikate  andere  für