Metadata : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Elfter Jahrgang. 1895. (36)

Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Mai  24.)  147

steuergesetzes  würde  für  die  Landwirtschaft  keine  so  außerordentliche  sein,
wie  von  vielen  Seiten  behauptet  wäre,  es  würde  nur  eine  minimale  Erhöhung
  der  Preise  für  Spiritus  und  Zucker  eintreten.  Der  Nutzen  der
Gesetze  werde  sein,  daß  erstens  kein  weiterer  Preisrückgang  und  keine  Verminderung
  der  Exportprämie  eintrete.  Beide  Gesetze,  gegen  deren  Einzelheiten
  er  vielfache  Bedenken  hege,  seien  geeignet,  unseren  Nationalwohlstand
zu  heben,  und  ein  weiterer  Schritt,  um  den  Ruin  der  Landwirtschaft  aufzuhalten.
  Er  hätte  gehofft,  daß  die  Hilfe  der  Regierung  sich  nicht  nur
auf  Zucker  und  Branntwein,  sondern  auch  auf  Hebung  der  Getreidepreise
erstrecken  würde.  Diese  Hoffnung  sei  leider  unerfüllt  geblieben,  man  habe
seinen  Antrag  abgelehnt,  ohne  etwas  Besseres  an  seine  Stelle  zu  setzen.  Er
fürchte,  daß  die  Verstimmung,  die  im  Lande  herrsche,  durch  die  abwartende
Haltung  der  Regierung  wesentlich  verstärkt  werden  möchte.  Warum  habe
man  kein  Börsengesetz,  kein  Margarinegesetz  vorgelegt?  (Ruf:  Zur   Sache !)
Der  Reichstag  gehe  nach  Hause,  ohne  in  der  Reform  der  Börse  auch  nur
einen  Schritt  gethan  zu  haben.  Hätte  Herr  v.  Bötticher  nur  ein  leeres
Blatt  Papier  vorgelegt  mit  der  Aufschrift  „Börsengesetz“,  den  Text  hätten
wir  schon  selbst  gemacht.  (Heiterkeit.)  Er  hoffe,  daß  die  Regierung  die  Erhöhung
  der  Getreidepreise  sich  werde  angelegen  sein  lassen  und  entweder
selbst  bis  zum  Herbst  einen  Entwurf  einbringe  oder  seinen  Antrag  annehme.
Die  Regierung  solle  in  der  Verschleppungspolitik  nicht  länger  verharren.
Abg.  Meyer-Halle  (frs.  Vg.)  und  Abg.  Paasche  (nl.)  werfen  dem  Grafen
Kanitz  vor,  agitatorisch  gesprochen  zu  haben;  die  Konservativen  hätten  durch
ihr  häufiges  Fehlen  im  Reichstag  eine  intensivere  Arbeit  verhindert.  Abg.
Paasche  tadelt  heftig  die  Angriffe  auf  die  Regierung.  Abg.  Richter  (frs.
Vp.):  Diese  Diskussion  am  Schlusse  der  Session  beweise  wieder,  wie  unersättlich
  die  Agrarier  wären;  der  Appetit  wachse  ihnen  mit  dem  Essen.  Den
Antrag  Kanitz  hätte  man  rundweg  ablehnen  sollen,  anstatt  ihn  in  der  Kommission
  hinzuziehen.  Die  Regierung  hätte  auch  nicht  dilatorisch  handeln
dürfen,  sondern  dem  Antrag  Kanitz  wie  dem  Währungsantrage  ein  einfaches
  „Nein"  entgegensetzen  müssen.  Niemals  sei  eine  Regierung  von  beiden
Seiten  des  Hauses  so  verlassen  gewesen,  wie  die  gegenwärtige;  die  Rechte
greife  ja  die  jetzige  Regierung  ebenso  an,  wie  diejenige  des  Grafen  Caprivi.
Staatssekretär  v.  Bötticher:  Das  Börsengesetz  werde  voraussichtlich  in
nächster  Session  vorgelegt  werden.  Die  Regierung  habe  keine  Neigung,
eine  Session,  die  an  chronischer  Beschlußunfähigkeit  leide,  zu  verlängern.

Hierauf  wird  das  Gesetz  in  namentlicher  Abstimmung  mit  165  gegen
85  Stimmen  angenommen.  Dafür  stimmen  die  Rechte,  die  Nationalliberalen
mit  wenigen  Ausnahmen,  die  Polen,  einige  Antisemiten  und  das  Zentrum
bis  auf  ungefähr  15  Mitglieder.

In  dritter  Beratung  wird  sodann  angenommen  das  Zuckersteuergesetz,
  und  der  Gesetzentwurf  über  die  kaiserliche  Schutztruppe  in
Südwestafrika  und  Kamerun.

Der  Reichskanzler  Fürst  zu  Hohenlohe  verliest  eine  kaiserliche
Botschaft,  die  den  Reichstag  schließt.  Präsident  v.  Buol  hebt  die  Sitzung
mit  einem  Hoch  auf  den  Kaiser  auf.

Übersicht  über  die  Thätigkeit  des  Reichstags.

Nach  der  vom  Präsidenten  am  Schlusse  der  Sitzung  gegebenen
Geschäftsübersicht  war  der  Reichstag  vom  5.  Dezember  1894  bis  24.  Mai
1895  171  Tage  versammelt.  Es  haben  während  dieser  Zeit:  99  Plenarsitzungen,
  424  Sitzungen  der  Abteilungen,  277  Sitzungen  der  verschiedenen
Kommissionen  stattgefunden.  Seitens  der  verbündeten  Regierungen  wurden
folgende  Vorlagen  dem  Reichstag  unterbreitet:  27  Gesetzentwürfe,  einschließ-                                                              10*