Contents : Blätter für Rechtsanwendung. Alphabetisches und systematisches Register über die ersten zehn Bände. (10)

rankreich.  (N.v.  21  2.)  322

auf  Kapital,  Eintommen  oder  dergleichen,  werden  von  keiner  Seite  vorzuschlagen
  gewagt.  Alle  Welt  jpricht  von  finanziellen  Mejormen,  aber  in
Wirklichkeit  will  sie  niemand.  Sie  sind  bei  dem  gegenwariigen.  parlamentarischen
  Regiment  unmöglich,  denn  er  herrscht  eine  zu  große  Verwirrung
zwischen  den  erekutiven  und  den  gesetzgebenden  Mächten.  Die  Minister  haben
die  Deputierten  zu  nötig,  um  sich  eine  Mehrheit  zu  sichern,  und  die  Teputierten
  haben  die  Minister  nötig,  um  Stellungen  oder  Begünstigungen  für
ihre  Angehörigen  oder  Freunde  zu  erlangen.  Die  Teputierten  hängen  an
ihrer  Stellung  und  nene  Steuern  vorschlagen  hieße  für  sie,  sich  in  der  Meinung
  ihrer  Wähler  schädigen.  So  stimmen  sie  also  für  das  Vudget  des
Ministeriums  und  nehmen  dessen  Begünftigungen  als  Gegengabe.  Das  Gleichgewicht
  des  Budgets  besteht  nur  auf  dem  Papier.  Jedermann  weiß,  daß
außer  der  anerkannten  schwebenden  Schuld  Hr.  Tirard  noch  eine  Menge  von
geheimen  Verpflichtungen  und  Schulden  übernommen  hat  und  jeden  Tag  auf
neue  Auskunftemittel  denlen  mus.  Diese  Finauzpolitik  kann  das  schon  so
sehr  erschütterte  Vertrauen  nicht  wieder  herstellen.

21.  November.  (Tongking.)  Sämtliche  in  lehßter  Zeit  dahin
  gesandten  sehr  bedeutenden  Verstärkungen  sind  dort  angekommen
und  Ferry  hofft  nunmehr  auf  baldige  Nachricht  von  entscheidenden
Schlägen  des  Oberkommandierenden  Admiral  Courbet  wider  die
Schwarzflaggen  und  die  hinter  ihnen  stehenden  Chinesen.  Die  ganze
Frage  hat  sich  für  Frankreich  dahin  gugespitzt,  ob  China  für  seine
Ansprüche  offen  eintreten  und  es  schließlich  zu  einem  offenen  Kriege
zwischen  Frankreich  und  China  kommen  werde  oder  nicht.  In  Fraulreich
  glaubt  man  nicht  daran.

22.  November  —  I4.  Dezember.  Die  französische  Presse  verfolgt
  den  langen  Vesuch  des  deutschen  Kronpringen  in  Spanien  mit
Argusaugen.  Ihre  Prophezeiungen  bezw.  Wünsche  realisieren  sich
indes  in  keiner  Weise:  die  Franzosen  in  Spanien  hüten  sich  wohl,
gegen  den  Kronprinzen  zu  demonstrieren,  und  diesem  gelingt  es  durch
seine  imposante  Erscheinung  wie  durch  seine  Liebenswürdigkeit  rasch,
sich  die  Zuneigung  der  Spanier  selbst  zu  erobern.  Dagegen  beruhigen
  sich  die  Franzosen  allmählich  darüber,  daß  von  einem  förmlichen
  Bündnis  zwischen  Deutschland  und  Spanien  keine  Redo  ist.

24.  November.  (Madagaskar)  lehnt  das  Ultimatum  Frankreichs
  vom  22.  Juni  definitiv  ab,  indem  es  wohl  zur  Bezahlung
einer  gewissen  Geldsumme  geneigt  wäre,  aber  von  einem  Protektorat
Frankreichs  über  irgend  einen  Teil  der  Jnsel  entschieden  nichts
wissen  will.

26.  November.  Der  chinesische  Botschafter  Tseng  richtet  eine
Note  an  die  französische  Regierung,  in  der  er  den  Lauf  des  Roten
Flusses  in  Tongking  als  Grenzlinie  zwischen  China  und  Frankreich,
zwischen  den  beiderseitigen  Streitkräften  und  zwischen  den  Städten

21