Full text : Das Königreich Württemberg. Zweiter Band_1. (2)

92  Das  Volk.

Wenn  die  Beziehung  der  Schwindsucht  zu  den  Höhenverhältnissen
eines  Ortes  sich  nicht  blos  in  der  Schweiz,  sondern  auch  in  den  verschiedensten
  gebirgigen  Gegenden  der  Erdoberfläche,  z.  B.  in  Oberösterreich,
Steiermark  und  Kärnthen  bewährt  hat,  so  kann  man  geneigt  sein,  auch
für  die  günstige  Stellung  Stuttgarts  seine  Meereshöhe  von  254  Meter
in  Anschlag  zu  bringen.  Auf  der  andern  Seite  wird  jedenfalls  auch  hier
die  Lungenschwindsucht  durch  andere  Umstände  gesteigert,  nemlich  durch
Armut,  ungenügende  Nahrung,  Anwachsen  der  Bevölkerung,  Zusammen—
leben  in  geschlossenen  Räumen,  Ueberwiegen  von  Industrie  und  Fabriken.
Es  muß  ferner  auffallen,  daß  in  Stuttgart  wie  in  den  höheren  Gegenden
der  Schweiz  mit  niederen  Zahlen  der  Lungenschwindsucht  eine  bedeutende
Entwicklung  der  Lungenentzündungen  zusammentrifft.  Nur  der  Eintritt
der  schweren  tödtlichen  Zufälle  scheint  in  Stuttgart  bei  der  Lungenschwindsucht
  von  denselben  atmosphärischen  Einflüssen  abzuhängen,  wie  bei  der
Lungenentzündung;  auch  die  Schwindsichtigen  sterben  bei  uns  in  der  überwiegenden
  Mehrzahl  während  des  Frühlings  und  gegen  das  Winterende  hin.

Im  allgemeinen  muß  die  Lungenschwindsucht  in  Württemberg,  wie
im  übrigen  Deutschland,  als  eine  der  häufigen  Krankheiten  angesehen
werden.  Mit  ihr  hält  wohl  auch  die  Tuberkulose  überhaupt  gleichen
Schritt.  Ueber  die  verwandte  Skrophulose  fehlen  alle  Zahlen.

Auch  die  verschiedenen  Formen  der  Krebse  sind  bis  jetzt  noch  nie
der  Gegenstand  statistischer  Erhebungen  geworden.  Man  hat  behauptet,
daß  auf  der  schwäbischen  Alb  der  Magenkrebs  besonders  häufig  sei;  aber
alle  solche  Angaben  über  die  größere  Verbreitung  von  Krebsübeln  in  einzelnen
  Landestheilen  stehen  durchaus  nicht  auf  dem  Boden  einer  sicheren
Beobachtung  und  Schätzung.

In  Bezug  auf  die  chronischen  Herzkrankheiten  und  den  verwandten
  akuten  Gelenksrheumatismus  liegt  nur  wenig  Bestimmtes
vor.  Zuelzer  hat  über  den  letzteren  einige  Zusammenstellungen  gegeben.
Auf  1000  Lebende  zwischen  20  und  70  Jahren  kamen  durch  diese  Krankheit
  von  1872  bis  1874  in  Stuttgart  1,4  Todesfälle.  Unter  den  deutschen
  Städten  hatte  die  höchste  Zahl  Karlsruhe  (3,4),  die  niederste  Kiel
(0,3);  Stuttgart  steht  dem  letzteren  Extreme  näher  als  dem  ersteren.  Auch
für  den  Gelenksrheumatismus  ergaben  sich  1875  günstige  Resultate.  Von
1000  Lebenden  erlagen  dieser  Krankheit  in  Stuttgart  0,07.  Die  niederste
Stufe  war  durch  Mannheim  und  München  (0,02),  die  höchste  durch  Kassel
(0,29)  vertreten.  Es  ist  zu  hoffen,  daß  künftig  auch  aus  anderen  württembergischen
  Gemeinden  ähnliche  Zusammenstellungen  mitgetheilt  werden.

Unter  den  Krankheiten  des  Nervensystems  stehen  obenan  die
Geisteskrankheiten.  Es  soll  aber  hier  nur  auf  die  Irren,  mit
Ausschluß  der  Idioten  und  Cretinen,  Rücksicht  genommen  werden.  Hic-