Metadata : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreiunddreißigster Jahrgang. 1917. Erster Teil. (58a)

224  Veutsches  Reich.  (Februar  27.—März  2.)

berechtigt.  Aus  Süddeutschland  und  der  Pfalz  sind  mir  Mitteilungen  zugegangen,
  wonach  es  die  dortige  Zivilbevölkerung  als  wenig  erfreulich
empfindet,  daß  die  Brot=  und  Fleischrationen  der  Kriegsgefangenen  höher
sind  als  die  der  Zivilbevölkerung.  Das  geht  doch  auch  über  den  Spaß,
daß  das,  was  wir  infolge  der  englischen  Absperrung  aushalten  müssen,
nicht  in  gleichem  Maße  denjenigen  zugemutet  wird,  die  vielleicht  Angehörige
des  Staates  sind,  dem  wir  das  alles  verdanken,  was  wir  erdulden.  Das
Verhalten  des  Abg.  Ledebour  zeigt  uns,  daß  er  in  seinem  Doktrinarismus
die  größten  weltgeschichtlichen  Erlebnisse  nicht  empfindet.  Die  Lebensinteressen
  großer  Völker  und  Nationen  lassen  sich  nicht  in  Paragraphen  fassen.
Wir  würden  uns  an  der  Zukunft  Deutschlands  versündigen,  wenn  wir  uns
vielleicht  einen  Frieden  sichern  wollten  unter  der  Führung  eines  sogenannten
neutralen  Präsidenten.  Gewiß  bedeutet  der  Abbruch  der  Beziehungen  mit
den  Vereinigten  Staaten  eine  Erschwerung  unserer  Situation,  aber  genau
gesehen,  ändert  er  wenig  an  unserer  Lage.  Amerika  ist  nicht  nur  das

and  der  unbegrenzten  Möglichkeiten,  sondern  auch  das  der  unbegrenzten
Neutralität.  Die  künftige  Weltgeschichte  wird  vielleicht  einmal  den  neuen
Begriff:  Amerikanische  Neutralität  haben.  Herr  Wilson  kennt  Europa  nicht.
Er  hält  sich  aber  für  berechtigt,  es  zu  belehren.  Herr  Wilson  sprach  einmal
von  den  Völkern,  deren  Schicksal  von  einer  kleinen  Schicht  einflußreicher
Menschen  beherrscht  wird.  Vielleicht  dachte  er  dabei  an  die  Macht  der
amerikanischen  Dollarmagnaten.  Hat  er  damit  auf  uns  gezielt,  dann  wäre
es  schon  damals  nötig  gewesen,  ihm  das  Wort  zuzurufen:  Die  Hände  weg
von  unserem  politischen  Leben.  Ein  Zerrbild  Deutschlands  konnte  im  Auslande
  entstehen  infolge  des  Versagens  des  deutschen  Nachrichtendienstes;
wir  müssen  den  gewaltigen  Anstrengungen,  die  England  in  dieser  Beziehung
  gemacht  hat,  auch  unsererseits  etwas  Aehnliches  gegenüberstellen,
wenigstens  für  die  Zukunft  müssen  wir  großzügig  sein  im  Nachholen  des
bisher  Versäumten.  Wir  haben  den  Deutsch-Amerikanern  unsern  Dank  für
ihre  Sympathie  mit  dem  Mutterlande  zu  bezeugen;  in  einer  seiner  Ansprachen
  hat  Wilson  sie  als  solche  begrüßt,  die  stolz  auf  ihr  deutsches  Vaterland
  sein  könnten.  Niemand  wünscht  den  Krieg  mit  Amerika.  Wir  begrüßen
  das  Bemühen,  das  Abkommen  von  1829  und  1799  für  den  Fall
des  Krieges  sicherzustellen.  Für  den  Volkswirtschaftler  gibt  es  nichts
Törichteres,  als  den  Stammtischglauben  zu  hegen,  daß  wir  nach  dem  Kriege
von  dem  Bezuge  der  überseeischen  Rohstoffe  abgeschnitten  sein  würden.
Schon  vor  diesem  Kriege  bestanden  die  größten  zollpolitischen  Schwierigkeiten
  mit  Amerika;  was  die  Amerikaner  sich  von  deutschen  Waren  vom
Halse  halten  konnten,  haben  sie  sich  auch  vom  Halse  gehalten.  Während
des  Krieges  sind  amerikanische  Händler  nach  Berlin  gekommen,  um  im
Besitz  des  englischen  Erlaubnisscheines  sich  die  deutschen  Waren  zu  beschaffen,
  ohne  die  sie  drüben  nicht  auskommen  können.  Es  ist  also  nichts
damit,  von  den  schweren  wirtschaftlichen  Folgen  des  Bruches  mit  Amerika
für  uns  zu  sprechen;  Beweis  dafür  das  Zeugnis  des  Hanseatengeistes,  wie
er  in  der  Adresse  der  Hamburger  Kaufleute  an  den  Kaiser  sich  ausspricht.
Der  Abg.  Ledebour  sprach  auch  von  der  Unmenschlichkeit  des  U  Bootkrieges,
  und  das  zur  selben  Zeit,  wo  die  französischen  Fliegerbomben  in
Karlsruhe  usw.  auf  Frauen  und  Kinder  niederfallen,  wo  wir  den  Baralongfall
  erlebt  haben!  In  unserer  Luftkriegswaffe,  in  unserer  U-Bootwaffe  treten
Kampfformen  auf,  für  die  das  Völkerrecht  noch  nichts  statuiert  hat;  wir
können  nicht  warten,  bis  das  Völkerrecht  die  Güte  hat,  dafür  zu  sorgen.
Wenn  die  Marinevertreter  ihre  Erwartungen  für  übertroffen  erklären,  wenn
wir  sehen,  daß  das  Vertrauen  der  Neutralen  zum  endlichen  Siege  Deutschlands
  gestiegen  ist,  so  muß  das  zur  hohen  Befriedigung  gereichen.  Nach