Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreiunddreißigster Jahrgang. 1917. Erster Teil. (58a)

Beutsches  Reich.  (Februar  27.—März  2.)  223

unentbehrlichsten  Gebrauchsgegenständen  gehört  aber  auch  die  Kohle.  Allein
das  Mannheimer  Kohlenkontor  hat  einen  Gewinn  von  4/  Mill.  bei  einem
Grundkapital  von  14  Mill.  M.  Trotzdem  hat  es  noch  eine  Preissteigerung
durchgesetzt.  So  wird  das  Volk  von  einer  kleinen  Gruppe  ausgepowert,
an  der  aber  die  Regierung  vorbeigeht.  Diese  Steuer  bedeutet  einen  Raubzug
auf  die  Taschen  des  arbeitenden  Volkes.  Vor  der  Besitzsteuer  sträubt  sich
die  Regierung  aus  Furcht  vor  der  Anleihe.  Aber  man  könnte  ja  zur
Zwangsanleihe  greifen.  Aber  das  ist  nicht  nötig.  Die  durch  den  Krieg
reich  gewordenen  Leute  wissen,  was  sie  an  Deutschland  haben,  und  werden
sich  hüten,  ihre  Taschen  zugeknöpft  zu  halten.  Die  Mittelschichten  sind  am
Zusammenbrechen,  daher  müssen  wir  die  Mittel  da  nehmen,  wo  sie  in
Fülle  vorhanden  sind.  Die  Fortschrittspartei  übernimmt  eine  große  Verantwortung,
  wenn  sie  diesen  Steuern  zustimmt.  Das  widerspräche  dem
Gesetz:  Schutz  den  wirtschaftlich  Schwachen,  Schutz  der  Arbeitskraft.  Es
wäre  ein  Hohn  auf  die  Bestrebungen  der  Bevölkerungspolitik.  Die  Steuervorlagen
  bedeuten  eine  Herausforderung  an  die  deutsche  Arbeiterschaft,  mit
neuen  Lohnforderungen  hervorzutreten.  Das  deutsche  Volk  ist  in  größter
Bedrängnis,  es  wendet  sich  hilfesuchend  an  die  Regierung.  Die  Antwort
ist  ein  Peitschenschlag.  Als  Krönung  der  Mißwirtschaft  im  Innern  kommt
man  jetzt  mit  einer  Steuerpolitik,  die  darauf  hinausgeht,  die  Massen  der
wirtschaftlich  Notleidenden  noch  weiter  zu  belasten.  Ueberlegen  Sie  sich,
was  Sie  kun.  Werfen  Sie  diese  Steuern  in  den  Papierkorb.  Legen  Sie
dem  Besitz  das  Opfer  auf,  die  das  Reich  von  ihm  in  dieser  Zeit  verlangen
kann.  Nur  so  dienen  Sie  dem  großen  Ziel,  unser  Land  unversehrt  aus
diesem  Kriege  zu  erretten.  (Lebh.  Beifall  b.  d.  Soz.)

Abg.  Dr.  Stresemann  (Natl.):  Die  Ausführungen  des  Kriegsministers
zu  Beginn  der  Sitzung  haben  uns  alle  tief  bewegt.  Wir  stimmen  vollkommen
  darin  mit  ihm  überein,  daß  es  notwendig  ist,  gegenüber  der  unerhörten
  Behandlung  unserer  Kriegsgefangenen  die  gleichen  Maßnahmen
zu  ergreifen.  Bei  uns  ist  leider  die  Sentimentalität  noch  nicht  ausgestorben.
Es  gibt  immer  noch  Menschen,  die  mit  einer  geheimen  Bewunderung  auf
Frankreich  sehen.  Noch  gestern  empfahl  man  uns  eine  Verständigung  mit
Frankreich,  um  einen  dauernden  Frieden  zu  schaffen.  Wie  das  nach  dem
Futs  Gehörten  möglich  ist,  ist  mir  zweifelhaft.  Auch  unsere  russischen

einde  trifft  große  Schuld.  Dort  werden  jetzt  mit  Gefängnis  solche  Angehörige
  des  deutschen  Baltenlandes  bestraft,  die  bezichtigt  worden  sind,
ein  Komitee  gebildet  zu  haben,  um  Lebensmittel  für  deutsche  und  russische
verwundete  Soldaten  zu  sammeln.  Der  Kriegeminister  hatte  Zweifel  daran,
daß  Anordnungen  auf  Bildung  von  Kriegsgefangenenausschüssen  ergangen
seien.  Vor  mir  liegt  ein  solcher  vom  13.  Febr.  1917,  in  dem  die  Arbeitgeber
  angewiesen  werden,  einen  Ausschuß  der  Kriegsgefangenen  zu  bilden
und  den  Ausschuß  von  den  Kriegsgefangenen  wählen  zu  lassen.  Vor  mir
stehen  da  unsere  Verhandlungen  über  den  vaterländischen  Hilfsdienst.  Meine
Freunde  wollten  damals  dafür  mit  eintreten,  daß  unseren  Eisenbahnarbeitern
und  #angestellten  das  Recht  gewährt  würde,  in  freigewählten  Arbeiterausschüssen
  ihre  Ansichten  und  Beschwerden  vorzubringen.  Damals  stellte
man  es  so  hin,  als  ob  das  Deutsche  Reich  dadurch  zugrunde  gehen  würde.
Beinahe  ist  das  Gesetz  daran  gescheitert.  Jetzt  haben  die  Kriegsgefangenen
das  Recht.  Es  kommt  dabei  eine  ganz  falsche  Auffassung  der  Sachlage
zum  Ausdruck.  Ich  bin  damit  einverstanden,  daß  unsere  militärischen
Stellen  sich  der  Gefangenen  annehmen.  Sie  haben  das  Recht  und  die
Pflicht,  zu  verlangen,  daß  die  Leute  nicht  ausgenntzt  werden,  aber  sie  haben
darüber  mit  den  Arbeitgebern  selbst  zu  verhandeln.  Das  Wort  von  dem
groben  Unfuge,  das  der  Kriegsminister  hierzu  brauchte,  war  vollständig