Beutsches Reich. (März 29.) 373
nehmen, auch wenn ich die Imponderabilien sehr hoch schätze, welche in
der politischen Fortentwicklung unseres Volks liegen. Wie hoch ich sie bewerte,
darüber habe ich mich oft, wie ich glaube, aus innerem Empfinden
ausgesprochen. Und wenn ich gezwungen bin, diese nüchternen Erwägungen
anzustellen: der Einsass m. H., um den dieser Krieg geht, ist viel zu gewaltig,
als daß man sich von Stimmungen hinreißen lassen dürfte.
Wenn ich so denken muß, halte ich es für ungerecht und unrichtig
von den Herren, wenn sie mir vorwerfen, daß ich eine Politik der Stagnation
triebe. M. H., ich muß dem Zwecke, den Krieg zu einem glücklichen
Ende zu führen, sowohl mein Handeln wie mein Unterlassen unterstellen.
(Sehr richtig! r.) Das ist keine Stagnation. Es wird manchen
sehr schneidigen Feldherrn geben, der von einer Offensive absieht, wenn
und so lange sie der gesamten Kriegführung schaden würde. Und so habe
ich mich bis zur Stunde, auch durch die heutigen Ausführungen,
nicht überzeugen lassen können. (Hört, hört! I.) M. H., Sie rufen:
Hört, hört! Ich glaube nach meiner Ueberzeugung gesprochen und Ihnen
die Gründe für meine Ueberzeugung einfach und ohne jede Voreingenommenheit
dargelegt zu haben. Wenn ich mich nicht davon überzeugen kann —
und ich kann es bis zur Stunde nicht —, daß es dem Interesse meines
Landes dienen würde, diese Reform unmittelbar in Angriff zu nehmen,
dann muß ich davon Abstand nehmen, bis ich zu der Ueberzeugung gelangt
sein werde. (Lebhafte Zurufe lI.: Wehe dem Staatsmanne, der die
Zeichen der Zeit ... Glocke des Präsidenten.) Diesen Zuruf habe ich mir
selbst gemacht, und ich nehme ihn sehr ernst. Und Sie, die Sie doch für
Toleranz eintreten, werden auch für die ehrliche Ueberzeugung eines anderen
Mannes Achtung haben, so gut wie ich für die ehrliche Ueberzeugung, die
bei Ihnen wohnt, volle Achtung empfinde.
M. H., es war ja natürlich, daß heute, wo die Fragen der inneren
Politik von den verschiedenen Standpunkten so eingehend besprochen wurden,
die Meinungen zum Teil stark aufeinanderstießen. Ich kann mit dem
Zweifel darüber nicht zurückhalten, ob es in der gegenwärtigen Stunde
richtig ist, seinem Temperament, wie es bei einzelnen Herren Rednern
geschehen ist, in einer Weise die Zügel schießen zu lassen, welche die Ueberzeugung
anderer Parteien innerlich schwer verletzen muß. (Sehr richtiglr.)
Ich meine, wir sollten diese Weise des politischen Kampfes uns ausschieben
bis zu der Zeit, wo wir wieder mit aller Sicherheit in unser zukünftiges
Leben hineinblicken können. (Zurufe bei den Soz.) Gewiß, m. H., wo
könnte es in einer großen Nation einen bedeutsamen Lebensmoment geben,
und das deutsche Volk hat noch keinen größeren Lebensmoment durchlebt
wie den jetzigen, in dem nicht die einander entgegengesetzten Meinungen
widereinander hin und her fluten und namentlich dann, wenn, wie es jetzt
der Fall ist, so gewaltige Kräfte nach neuen Regionen drängen. Aber es
kommt doch darauf an, daß über den Meinungszwistigkeiten der Grundsatz
der Einheit erhalten bleibt. Diese Einheit aber bewährt sich täglich und
stündlich so fest und unerschütterlich in den Heldentaten unserer Krieger,
daß jetzt in der äußersten Anspannung aller Kräfte an den Fronten und
daheim die Zuversicht und der feste Wille zur glücklichen Beendigung des
Krieges uns immer wieder zusammenführt und damit, so Gott will, unüberwindlich
macht. (Lebh., anhaltender Beifall.)
Abg. Dr. Werner-Gießen (Dt. Fr.) legt die Gründe dar, die zu
unserem U-Bootkrieg geführt haben, und die Hindernisse, die die Ver.
Staaten ihm in den Weg gelegt haben. Die eigentümliche Neutralität
Amerikas hätte es angebracht erscheinen lassen müssen, daß wir uns nicht
boxen und bluffen ließen. Die amerik. Journalisten seien viel zu gut be-