Contents : Der Fehlspruch von Versailles.

nun  gebeten,  wenigstens  zu  sagen,  ob  Italien  in  dem  Falle  gezwungen  sei,
Deutschland  die  Waffenhilfe  zu  leisten,  daß  Frankreich  sich  Eilsaß-Lothringens
  bemächtige.  Daraufhin  habe  dann  Rudini  nicht  mehr  geantwortet.
  Baron  v.  Marschall,  der  Greindl  über  diese  Vorgänge  verständigte,
  fügte  hinzu,  diese  indiskrete  Bitte  habe  den  italienischen
Staatsmann  gründlich  von  seiner  Absicht  geheilt,  zu  Frankreich  in  ein
näheres  Verhältnis  zu  kommen.  Trotzdem  äußerte  der  deutsche  Staatssekretär
  Bedenken  über  die  Erhaltung  des  Friedens.  Er  gab  seiner  Überzeugung
  Ausdruck,  daß  zwar  die  große  Mehrheit  des  französischen  Volkes
den  Frieden  wolle,  aber  die  heilsame  Furcht  vor  der  militärischen  Überlegenheit
  Deutschlands,  die  so  lange  die  Aufgeregten  im  Zaume  gehalten
habe,  sei  jetzt  ganz  und  gar  verschwunden.  Die  Franzosen  fühlten  sich
jetzt  so  weit  erstarkt,  daß  sie  selbst  ohne  die  Unterstützung  Rußlands
auf  den  Sieg  zählen  zu  können  glaubten.  Es  genüge  daher  der  geringste
Anlaß,  um  einen  blutigen  Konflikt  heraufzubeschwören.

Zu  dieser  pessimistischen  Auffassung  des  für  die  Beobachtung  der
äußeren  Politik  verantwortlichen  deutschen  Staatsmannes  hatten  die
Art  und  Weise,  wie  das  Pariser  Kabinett  verschiedene  Höflichkeitsbeweise
des  deutschen  Kaisers  aufgenommen  hatte,  und  der  Empfang  der  Kaiserin
Friedrich  in  Paris  erheblich  beigetragen.  Während  auch  nach  dem
Urteile  der  belgischen  Diplomatie  die  italienische  Extratour  als  überwunden
  und  Italiens  Stellung  im  Dreibunde  als  ganz  wieder  befestigt
angesehen  werden  konnte!),  verhehlten  die  belgischen  Diplomaten  nicht
ihre  Besorgnisse  über  die  Haltung  Frankreichs.  Man  dürfe  die  deutscherseits
  der  französischen  Republik  erwiesenen  Höflichkeiten  nicht  als  einen
Beweis  für  eine  wirkliche  Änderung  der  Lage  nehmen,  meint  Greindl
am  21.  Februar  18912).  Die  Franzosen  hätten  nichts  von  ihrem  Bedauern
und  von  ihren  Hoffnungen  aufgegeben.  Solche  Höflichkeitsbeweise
könnten  nur  in  ganz  kleinem  Maßstabe  zur  Aufrechterhaltung  des  Friedens
beitragen,  würden  aber  wenigstens  nichts  schaden.  Die  Vorgänge  beim
Besuche  der  Kaiserin  Friedrich  in  Paris  bedauert  er  lebhaft  und  beklagt,
daß  bei  dieser  Gelegenheit  das  festgesetzte  Programm  nicht  eingehalten
worden  sei.  Er  fügt  hinzu,  „ich  hatte  nur  allzuviel  Veranlassung,  Ihnen
am  letzten  Sonnabend  zu  schreiben,  daß  man  der  Aufnahme  der  Aufmerksamkeiten
  des  deutschen  Kaisers  und  seiner  Regierung  in  Paris
nur  einen  ganz  geringen  Wert  beimessen  dürfe.  Man  hat  auf  Höflichkeitsbezeugungen
  mit  Brutalitäten  geantwortet‘‘?).

Bemerkenswert  ist  die  Art,  wie  Baron  Solvyns  in  London  die  Entwicklung
  der  Dinge  seit  Bismarcks  Abgange  beurteilt‘).  Durch  den  Sturz
des  Fürsten  habe  Österreich  etwas  mehr  Bewegungsfreiheit  gewonnen
und  seine  Beziehungen  zu  Rußland  verbessern  können.  Auch  Italien
versuche  gewisse  Gefahren  zu  bannen  und  sich  Frankreich  ein  wenig

ı)  Berlin,  14.  Februar  1891,  Bd.  V,  S.  100.
®)  Bd.  V,  S.  88.

8)  Berlin,  28.  Februar  1891,  Bd.  V,  S.  88.
*%)  London,  1.  März  1891,  Bd.  V,  S.  276277.

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