Metadata : Lehrpläne für die höheren Schulen.

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Behandlung  der  Lektüre,  welche  die  Strenge  in  grammatischer  und
lexikalischer  Hinsicht  verabsäumt,  verleitet  zur  Oberflächlichkeit  überhaupt;
  eine  Behandlung,  welche  die  Erwerbung  grammatischer  und
lexikalischer  Kenntnisse  zur  Aufgabe  der  Lektüre  macht,  verkennt  einen
wesentlichen  Grund,  auf  welchem  die  Berechtigung  des  lateinischen
Gymnasialunterrichtes  beruht.  Auf  den  letzteren  Abweg,  durch  wel—
chen  die  Hingebung  der  Schüler  an  die  Beschäftigung  mit  den  alten
Sprachen  und  die  Achtung  der  Gymnasial-Einrichtung  bei  denkenden
Freunden  derselben  gefährdet  wird,  ist  deshalb  mit  besonderem  Nachdrucke
  hinzuweisen,  weil  es  in  nicht  seltenen  Fällen  vorkommt,  daß
die  Erklärung  der  Klassiker,  selbst  auf  den  obersten  Stufen,  in  eine
Repetition  grammatischer  Regeln  und  eine  Anhäufung  stilistischer
und  synonymischer  Bemerkungen  verwandelt  wird.  In  der  Auswahl
dessen,  was  in  die  Gymnasiallektüre  aufzunehmen  Pfflicht,  was  zulässig,
  was  auszuschließen  ist,  macht  sich  der  Fortschritt  pädagogischer
Erwägung  im  Unterschiede  von  subjektivem  Belieben  oder  bloß  gelehrtem
  Interesse  kenntlich.  Durch  die  Erörterung  in  Fachkonferenzen
  der  einzelnen  Lehrkollegien,  in  Direktorenkonferenzen,  sowie  in
Abhandlungen  der  Fachzeitschriften  werden  die  betreffenden  Fragen
auf  Grund  der  gemachten  Erfahrungen  ihre  weitere  Klärung  finden.
—  Die  gedächtnismäßige  feste  Einprägung  hervorragend  bedeutender
Stellen  aus  der  klassischen,  insbesondere  poetischen  Litteratur  bildet
einen  werthvollen  Besitz  für  das  Leben;  jedoch  hat  bei  der  Auswahl
der  Aufgaben  hierzu  die  Schule  das  vorsichtigste  Maß  einzuhalten.

c.  Die  Uebungen  im  schriftlichen  Gebrauche  der  lateinischen
Sprache  sind  in  den  unteren  und  mittleren  Klassen  ein  unentbehrliches
  Mittel  zu  fester  Aneignung  der  Grammatik  und  des  Wortschatzes.
  In  den  oberen  Klassen  wurde  in  früherer  Zeit  der  Zweck
verfolgt,  daß  die  Schüler  des  Gymnasiums  die  lateinische  Sprache
zum  Organe  für  den  Ausdruck  ihrer  Gedanken  machen  könnten.
Mag  man  nach  verschiedener  Ansicht  darin  bloß  eine  Erbschaft  aus
einem  Zeitalter  sehen,  in  welchem  das  Latein  die  internationale
Sprache  der  Gebildeten  war,  oder  mag  man  darin  einen  Ausdruck
des  Werthes  finden,  welchen  die  selbständige  Herrschaft  über  eine
fremde,  insbesondere  eine  von  der  Muttersprache  weit  entfernte
Sprache  für  die  formale  Gedankenbildung  besitzt:  jedenfalls  ist  ein
solches  Ziel,  von  allen  etwaigen  Zweifeln  an  seinem  Werthe  abgesehen,
  nicht  mehr  erreichbar,  seitdem  selbst  unter  den  Meistern  der
Philologie  diese  Virtuosität  nicht  mehr  Regel  ist  und  daher  diesem
Theile  des  Gymnasialunterrichtes  nicht  selten  die  unerläßliche  Bedingung
  des  Erfolges  fehlt,  das  eigene  sichere  und  leichte  Können
des  Lehrers.  Daraus  folgt  aber  nicht,  daß  die  Uebungen  im  schriftlichen
  Gebrauche  der  lateinischen  Sprache  aufzuhören  haben,  sondern
daß  sie  eine  Herrschaft  über  die  Sprache  nur  innerhalb  des  durch
die  Lektüre  zugeführten  Gedankenkreises  und  Wortschatzes  erfordern