Full text : Landeskunde des Großherzogtums Hessen, der Provinz Hessen-Nassau und des Fürstentums Waldeck. (376)

Der  Odenwald.  41

Noch  ein  anderer  Zweig  der  Industrie  im  Odenwald,  der
sich  auf  die  Wasserkraft  stützte,  ist  teilweise  seit  Einführung  der
Kohlen  zum  Erliegen  gekommen,  die  Müllerei.  Manche  Täler
des  Odenwalds  sind  von  früher  her  so  dicht  mit  Mühlen  besetzt,
daß  eines,  das  Modautal  zwischen  Nieder-Ramstadt  und  Eberstadt,
  geradezu  den  Namen  „Mühltal“  führt.  Ein  Teil  der  Getreidemühlen
  hat  den  Betrieb  dadurch  aufrechterhalten,  daß
sie  zur  Dampfmühle  übergingen,  außerdem  sind  noch  genug
Wassermühlen  übriggeblieben;  ein  kleiner  Teil  davon,  der  im
unteren  Mümlingtalbei  Höchst  und  Neustadt  liegt,  sind  Schwerspatmühlen,
  die,  auf  die  vielen  Schwerspatgänge  zwischen  Groß-Umstadt
  und  Kainsbach  begründet,  früher  in  erheblich  größerer
Zahl  vorhanden  waren  und  hauptsächlich  Verfälschungsmittel
für  Mehl,  Zucker  und  Bleiweiß  lieferten.  Die  Abnahme  dieser
Verfälschung  hat  ihre  Zahl  zurückgeschnitten  und  zugleich  den
Schwerspatbergbau  fast  aufhören  lassen.

Als  eigener  Industriezweig  ist  noch  die  im  Hungerjahr  1817
auf  Veranlassung  des  Grafen  von  Erbach  aus  Geislingen  in
der  Umgegend  Erbachs  eingeführte  Elfenbein=  und  Knochenschnitzerei
  zu  erwähnen,  die  als  Hausindustrie  betrieben  wird.
Leider  ist  ihr  Erträgnis  starken  Preisschwankungen  durch  die
Mode  unterworfen,  so  daß  sie  auf  die  Dauer  kaum  größerer
Ausdehnung  fähig  sein  wird,  wenn  auch  die  Regierung  zu  ihrer
Unterstützung  und  Anregung  eine  Fachschule  dafür  in  Erbach
neuerdings  errichtet  hat.  Zu  dem  Kunstgewerbe  sind  dann
noch  die  Erzeugnisse  der  Urberacher  Töpferei  zu  rechnen,  die
im  Hügelland  des  Rotliegenden  am  Nordrand  des  Odenwalds
ihren  Sitz  hat  und  besonders  seit  dem  Aufblühen  der  neuen
Darmstädter  Kunstrichtung,  der  sie  sich  angeschlossen  hat,  weitere
  Verbreitung  und  damit  Aufschwung  erfuhr.

Von  sonstigen  Industriezweigen  sind  nur  noch  Gerbereien
und  die  Zigarrenfabriken  des  Mümlingtals  zu  nennen,  die  eine
erheblichere  Rolle  spielen.