Full text: Bismarck Die gesammelten Werke. Band 6a. (6a)

Werthers zu grohe Liebenswürdigkeit gegen Beuft. 441 
legenheiten um so unmöglicher jsein, wenn derselbe sich die Erklärungen vergegenwärtigt, 
welche er im Haufse der Abgeordneten gegeben hat, um der starken Opposition gegenüber 
den Abfindungsvertrag überhaupt zur Annahme m bringen. 
Bei den Verträgen mit den früheren Souveränen von Hessen und Vassau, deren 
Privatvermögen viel unbestrittener fideiktommissarischer Natur war als das des Königs 
Georg, sind die Rechte der Agnaten nicht nur mit Stillschweigen übergangen, sondern in 
dem belsischen Falle ausdrücklich in Abrede gestellt worden. Auch bei der Abtretung von 
Homburg haben agnatische Vermögensansprüche keine Beachtung gefunden. Wenn und 
insoweit dem Herzog von Cambridge solche zur. Seite stehen, so wird dies zur Sprache zu 
bringen sein nach dem etwaigen Aussterben der Königlichen Linie, und dann wird der 
Preußische Staat denjelben gerecht zu werden um so sicherer in der Lage sein, als die König— 
liche Regierung ohne Zustimmung des Landtages über die Substanz der jetzt vorhandenen 
Vermögensobjekte nicht verfügen kann. 
*1210. Drivatschreiben an den Unterstaatssekretär von Thlle. 
[Diktat.] 
Nach seiner Rückkehr von einem Urlaube batte der Gesandte in Wien Greiherr v. Wertber 
am 10. Aovember eine Unterredung mit dem österreichischen Reichskanzler gehabt, in der er sich, 
obwohl Freiberr v. Beult sich kurz vorher bei den Deratungen im W Wezraulh chub des Reichsrats 
mit kühlen und jelbft ktitilchen Worten über das Verhältnis zu Preußßen geãußert hatte, eines 
auffallend freundlichen Tones befliß. In leinem eigenen Bericht vom 11. Rovember bieb es 
darüber: „Wie Baron Beust mich fragte, welche Eindrücke ich von Verlin mitbrächte, bejeichnete 
ich ihm dieselben als Bestrebungen zur Erhaltung des Sriedens und zur Gestaltung freundlicher 
Besiehungen zu Österreich. Ich bätte in den Negierungstereisen Berlins kein Anzeichen von Ver- 
lmmung g een sterreich, dagegen aber den aufrichtigen Wunsch gefunden, dah es der österz 
reichischen Regierung gelinge, die Schwierigkeiten ihrer inneren Verhältnisse ju überwinden.“ 
Varzin, den 16. Aovember 1868. 
Die große Liebenswürdigkeit Werthers gegen Beuft entspricht durchaus nicht meiner 
Auffassung der Sachlage, und ich bitte Sie, ihn privatim und vertraulich im Sinne meiner 
MAitteilungen vom 15. v. M. und 11. d. M.= zu informieren. Eine Haupturfache für die 
fortdauernde Unsicherheit der Handelswelt sehe ich in der Haltung Beusts. Wir haben ihm 
zwei Jahre lang fair play gelassen, und keine Gelegenbeit versäumt, um unsern Wunsch nach 
Verbefserung der Bejziehungen zu Osterreich an den Tag zu legen. Er hat nicht nur gar 
nichts getan, um diesem Wunsche entgegenzukommen, sondern er hat jede Gelegenhbeit 
benutzt, uns unhöflich zu begegnen und durch die Presse Unannehmlichkeiten zu bereiten, ja 
er hat im verflossenen Sommer durch Metternich eifrig zum Kriege betzen lassen'. Es ist da- 
her an der Zeit, ihn empfinden zu lassen, daß gute beiderseitige Beziehungen mehr in seinem 
als in unserem Interesse liegen. 
Ich bitte, von jetzt ab bei allen Außerungen in der Diplomatie wie in der Presse davon 
auszugeben, daß wir zwei Jahre lang das Verständnis Osterreichs gesucht und nicht gefunden 
haben. In der Presse wäre wiederbolt hervorzuheben, daß die Urfsache der fortdauernden 
Verkehrsstörungen weniger in Paris als in Wien, in der „olitik Beust-Metternich“ zu 
finden, und daß wir nach zwei Jahre langem Buhlen um die Gunst Österreichs die Hoffnung 
aufgeben müßten, auf diesem Wege, solange die jetzige Beustische Politik dauert, etwas zu 
erreichen; Beufst wäre in Wien genau derfelbe geblieben, der er in Dresden war. 
§he Zr- 1190. 
2 Sie 1206. 
ↄ Vgl. dazu Vr. 1115.