120 II. 6. Bekämpfung der Krankheiten.
Insbesondere hatte, soweit die Ausweise zur Todesursachenstatistik erkennen liessen,
die Zahl der an akuten Krankheiten der Atmungsorgane verstorbenen
Personen damals eine auffällige Höhe erreicht. In der Gesamtheit der monatlich
berichtenden Ortschaften des Deutschen Reichs hatte z. B. im Jahre 1893 die Zahl
der an akuten Krankheiten der Atmungsorgane verstorbenen Personen im Mittel
der Monate Januar bis Oktober 2958 betragen, war dann auf 3980 im November
und auf 5731 im Dezember gestiegen und betrug im Januar 1894 noch 4889, um
dann auf 2522 im Mittel der folgenden elf Monate des Jahres 1894 zu sinken.
Ein allmähliches Fortschreiten der Influenza von einem Bezirk zum anderen war da-
mals nicht festzustellen, vielmehr ergaben die über den Beginn und den Höhepunkt
der Seuche vorliegenden Äusserungen sowie die medizinalstatistischen Ausweise,
dass die Krankheit in verschiedenen, räumlich voneinander entfernten Teilen des
Reichs gleichzeitig aufgetreten war. Das erwähnte, die Influenza- Epidemie
kennzeichnende Ansteigen der Sterbeziffer war damals am stärksten im Nordwesten
und Südwesten des Reichs ausgeprägt, am frühesten — im November 1893 —
war es hauptsächlich nördlich und südlich des Mains beobachtet worden. Unter
der Landbevölkerung schien die Influenza damals, soweit zahlenmässige Ausweise
vorliegen, heftiger als in den Städten aufgetreten zu sein. Die Krankheitserschei-
nungen, sowie die Mit- und Nachkrankheiten waren auch während des dritten
seuchenartigen Auftretens der Influenza von den während des Winters 1889/90
beobachteten nicht wesentlich verschieden. "
Seit Beginn des Jahres 1894 hat zwar eine deutliche Influenza-Epidemie die Be-
völkerung des Deutschen Reichs nicht mehr heimgesucht, indessen werden alljähr-
lich zahlreiche Erkrankungen und Todesfälle an Influenza in einigen medizinalsta-
tistischen Ausweisen aufgeführt. Jn den genannten monatlich berichtenden Ort-
schaften des Deutschen Reichs, deren Gesamteinwohnerzahl sich um die Mitte des
Jahres 1899 auf rund ı53/, Millionen, um die Mitte des Jahres 1905 auf rund 201/,
Millionen beziffern liess, sind z. B. während der 7 Jahre 1899 bis 1905 ausweis-
lich 9049 Personen der Influenza erlegen, davon 2864 — oder rund ı7 auf je
100000 Einwohner — allein im Jahre 1900. Den allgemeinen Krankenhäusern des
Deutschen Reichs gingen ferner während der Jahre 1899 bis ıgo1 nacheinander:
24544 — 34836 — 20523 Kranke wegen Influenza (Grippe, Katarrhfieber) zu, was
im Jahre 1900 einem Zugange von 300 Influenzakranken auf je 10000 des Ge-
samtzugangs entsprochen hat. Die.mittlere Sterbeziffer dieser Kranken war aller-
dings ziemlich gering, sie betrug in den Jahren 1899 und ı901 nur 0,8 bezw.
0,9% des Zugangs, war jedoch im Jahre 1900 auf 1,2 % gestiegen.
D. Tuberkulose.
Gegenüber der Mehrzahl der europäischen Grossstaaten bietet Deutschland
durch sein meist kontinentales, an schroffen Witterungsgegensätzen. reiches Klima
und namentlich durch seine starke und noch stets zunehmende Betätigung auf in-
dustriellem Gebiete für die Ausbreitung der Tuberkulose besonders günstige ‚Be-
dingungen dar. Nichtsdestoweniger ist es gelungen, innerhalb des Reichsgebiets die
Sterblichkeit an Tuberkulose in den letzten Jahrzehnten erheblich herabzusetzen,
Zufolge Feststellungen des Kaiserlichen Gesundheitsamts!) starben an Lungen-
schwindsucht in deutschen Orten mit 15000 und mehr Einwohnern von je
100000 Lebenden
im Durchschnitt des Jahrfünfts 1877/81 . . . . 357,3 im Jahre 102 . . . . . 192
„ » ” „ 1882/56 . . . . 846,2 „ » 0 . 2. 2... 193,8
„ » ” „ 1887/91 . . . . 304,0 » ». 10 ...0. 0.192
„ „ » „ 1892/96 er 255,5
„ „ „ „ 1897/1901. . . . 2187
1) Vgl. auch 8. 45.