Full text : Sagenbuch des Königreichs Sachsen

—  130  —

junges  bildsauberes  Mädchen  war  sie  nach  Dresden  gekommen  in
den  Dienst  einer  vornehmen  Frau.  Dort  ging  es  lustig  zu  und
Resel  wurde  von  einem  jungen  Franzosen,  in  den  sie  sich  verliebt
hatte,  verführt.  Der  zog  bald  darauf  mit  seinem  Kaiser  in  die
Kriege  der  damaligen  Zeit  und  Resel  Kam  wieder  nach  Hause,  aber
nicht  allein,  sondern  sie  brachte  ein  schwarzhaariges,  schwarzäugiges
kleines  Mädchen  mit.  Alle  schauten  sie  deshalb  über  die  Achsel  an
und  nannten  sie  die  Franzosen-Resel.  Selbst  ihr  Vater  wollte  sie
erst  nicht  wieder  aufnehmen  in  sein  Häusel,  tat's  aber  zuletzt  doch
auf  Zureden  des  Pfarrers.  Die  Resel  ernährte  sich  und  ihr  Kind
schlecht  und  recht  durch  Botengänge  und  Krankenpflege.  Daher
kam  es,  daß  sie  auch,  als  1813  nach  den  Schlachten  in  Böhmen
verwundete  Soldaten  nach  Moarienberg  gebracht  wurden  und  das
Bergmagazin  Lazarett  wurde,  dorthin  als  Pflegerin  ging.  Sie
trug  aber  von  dort  den  Keim  des  Todes  in  das  Haus  ihrer  Eltern.
Diese  starben  ebenso  wie  das  Kind  der  Resel  schnell  hintereinander
und  auch  im  Bergmagazin  verging  RBein  Tag,  wo  es  nicht  Tote
gab.  Es  war  eine  schwere  Zeit  und  die  Resel  zuletzt  der  einzige
Mensch,  der  die  sterbenden  Kriegsleute  noch  pflegte.  Da  wollte  es
das  Unglück,  daß  Resel  in  einem  gestorbenen  Franzosen  ihren  dereinstigen
  Geliebten  erkannte.  Diese  Tatsache  in  Verbindung  mit
den  monatelang  erduldeten  schweren  Prüfungen  brachte  das  arme
Weib  um  den  Verstand  und  in  ihrem  Wahnsinn  schleppte  sie  die
sterbenden  Soldaten  an  den  Beinen  die  schmalen  Steintreppen  hinunter,
  daß  ihr  Kopf  auf  den  einzelnen  Stufen  aufschlug  und  sie
unten  mausetot  waren.  Die  Leichen  warf  die  BResel,  die  stark  und
kräftig  war,  in  den  hinter  dem  Bergmagazin  damals  befindlichen
Steinbruch.  So  trieb's  die  Unglüchliche  von  morgens  früh  bis
abends  spät.  Am  anderen  Morgen  aber  wurde  auch  ihre  Leiche
in  dem  benachbarten  Weiher  gefunden.  Das  schwere  Herzeleid  hatte
sie  ums  Leben  gebracht  und  in  den  Tod  gejagt.  Ihre  arme  Seele
aber  kann  noch  immer  kGeine  Ruhe  finden  und  geht  im  Bergmagazin
  um  in  den  Monaten,  in  denen  damals  all  dies  Unglück
geschehen  ist.  Schon  mancher  hat  sie  gesehen  in  der  Nacht  beim
Mondenschein,  der  in  die  Aähe  des  Bergmagazins  gekommen  ist.“