6 Frũhjahrs-Seffion 1871.
der katholischen Wahlkreise von Rheinland und Westfalen, ebenso
in einer Anzahl schlesischer und anderer Wahlkreise.
Dr. Windthorst und v. Mallinckrodt, die beiden Brüder
Reichensperger, welche im Norddeutschen Reichstag zur bundesstaatlich-konstitutionellen
Fraktion gehört hatten, übernahmen die
Führung der neuen Partei. Windthorsts Geschick gelang es nach
den Wahlen, die bayerische Patriotenpartei und einige andere
katholische Abgeordneten aus Württemberg und Baden mit der
neuen Fraktion zu vereinigen. Bischof Ketteler von Mainz verlieh
durch seinen Anschluß an die Fraktion derselben in kirchlichen Kreisen
noch ein besonderes Ansehen. Im ganzen zählte die Centrumsfraktion
im ersten Reichstag 58 Mitglieder. Erst bei den folgenden
Wahlen von 1874 erreichte sie nahezu die spätere Stärke von 90
bis 100 Mitgliedern. Die Centrumspartei war abgesehen von
religiösen und kirchlichen Fragen eine politisch sehr gemischte Gesellschaft,
welche die denkbar schroffsten Gegensätze in sich vereinigte;
so auf der einen Seite v. Savigny, den letzten deutschen Bundesgesandten,
der noch im Jahre 1867 bestimmt war, norddeutscher
Bundeskanzler zu werden, und auf der andren Seite Dr. Krebs,
der mit Johann Jakoby noch in den letzten Jahren im preußischen
Abgeordnetenhaus das ganze Budget verweigert hatte.
Die nationalliberale Partei, welche im Norddeutschen
Reichstage 78 Mitglieder gezählt hatte, war im neuen Reichstage
auf 120 Mann angewachsen; sie hatte Verstärkung erhalten durch
36 Süddeutsche. In Süddeutschland war für die Stellung im
Wahlkampfe zumeist entscheidend gewesen die schärfere Betonung
des Reichsgedankens gegenüber der Selbständigkeit der Einzelstaaten.
In Norddeutschland dagegen kam in den protestantischen Wahlkreisen
der Gegensatz von liberal und konservativ vorzugsweise zum Ausdruck.
Die Konservativen und Freikonservativen hatten im
Verhältnis zum Norddeutschen Reichstage einen kleinen Zuwachs
aus Süddeutschland erhalten, aber die norddeutschen Mandate teils
an die Liberalen, teils an die neue Centrumspartei verloren. Dergestalt
erschienen beide Parteien nur in der Stärke von 92 Abgeordneten.
Drei kleine Fraktionen des Norddeutschen Reichstages auf der
linken Seite hatten sich vor dem Zusammentritt des neuen Reichstages
aufgelöst: die bundesstaatlich-konstitutionelle Fraktion, die freie
Vereinigung und das liberale Centrum. Die Mitglieder dieser
Fraktionen, welche teils zwischen konservativ und nationalliberal,
teils zwischen nationalliberal und Fortschrittspartei schillerten, hatten