— 172 —
den Ostmarken. Wo sie nicht waren, da galt von ihnen: der Himmel
ist hoch und der Sar ist weit! Noch Napoleon I. hatte trotz seines bewundernswerten
Kurierdienstes doch eine sehr lokale Art der Einwirkung,
denn Tilsit und der Ebro waren damals ferner als heute irgendwelche
Punkte der bewohnten Srde. Man liest Napoleons Lebensgeschichte immer
mit dem Gefühl: was hätte dieser irdische Allgegenwärtige getan, wenn
er hätte telegraphieren und in 48 Stunden von Haris nach der russischen
Grenze fahren können! Er würde auf allen Schlachtfeldern selber gewesen
sein, eine fliegende Kraft fabelhafter Wucht. Napoleon III. war
der erste Staatsmann, der den Telegraphen zu handhaben verstand,
Bismarck hat ihn sehr benutzt, Wilhelm II. ist geradezu der erste Dirtuos
des modernen Derkehrszeitalters. Er lebt überall das Leben mit, telegraphisch
hörend und redend. Wenn in Norwegen ein Unglück eintritt,
ist er der erste, der hilft, wenn irgendwo ein Gelehrter von Zuf stirbt,
telegraphiert er der Mitwe, wenn irgendwo in der Welt gekämpft wird,
ist er so schnell orientiert als es das Kabel zuläßt, die Reichstagsverhandlungen
gehen in telegraphischem Auszug in seine Dände, will
er etwas wissen, so spielen alle Drähte. Auf einem Schiff, das 22 Knoten
in der Stunde zurücklegt, durchfurcht er die Meere Europas, und im
Schnellzug, 80 km die Stunde oder mehr, durcheilt er das Land.
Kein Mensch größter Geschäfte hat die Derkehrsmittel so in der Gewalt
als ein Souverän, der es versteht mit ihnen zu arbeiten. Und daß
Wilhelm II. dies versteht, weckt in diesem verkehrsdurstigen, verkehrsbegeisterten
Seitalter ein Gefühl, daß er eine Derkörperung der in uns
allen wirksamen elektrischen Tendenzen sei. Wenn man im Eisenbahnzuge
sitzt und auf der Nebenschiene rast der Kaiserwagen vorüber, dann denkt
man an Wuotan und sein Heer, nur daß es kein mythischer Spuk ist,
sondern eine Wirklichkeit: es fährt die moderne Sentralperson!
Als das moderne Leben anfing, dachte man wohl, es würde abflachend
wirken und die hochragenden Köpfe in den Massen begraben.
Es ist auch nicht zu leugnen, daß es eine ganze Reihe moderner Erscheinungen
gibt, die so wirken: die allgemeiner werdende BZildung, die
steigende demokratische Gesinnung usw., aber man soll nicht übersehen,
daß jedes Seitalter der Erfindungen und Entdeckungen zunächst die stärkt,