Metadata : Der Weltbrand. Deutschlands Tragödie 1914-1918. Zweiter Band. (2)

stand  er  genügend  außerhalb  oder  oberhalb  des  Parteigetriebes,  als  daß  man
bätte  hoffen  dürfen,  es  würde  ihm  gelingen,  das  Vertrauen  der  Reichstagemehrheit
  zu  erwerben.  Liest  man  die  Seiten  seinee  Buches,  in  denen  er  im  Anschluß
  an  dle  Kritik  der  Frledeneresolution  die  Gedanken  entrolckelt,  In  denen
er  darzulegen  sucht,  was  hätte  geschehen  müssen,  so  steigt  der  Gedanke  auf:
der  hätte  es  olellelcht  machen  können.

Aber  wenn  man  sich  dann  fragt,  welche  Anstalten  Tirpitz  getroffen
hat,  um  bei  dem  vor  aller  Augen  liegenden  Versagen  der  Relchsleltung  zur
Rettung  der  Lage  das  selnige  zu  tun,  dann  stößt  man  auf  —  die  Gründung
der  deutschen  Vaterlandspartel,  dle  Tirplauz  mit  dem  Generallandschaftsdirektor
  Kapp  lns  Leben  gerufen  hat,  um  „im  deutschen  Volk  eine  nationale
  Gegenbewegung  zu  entfachen,  die  im  Auslande  den  Eindruck  hervorrief,
  daß  die  deutsche  Widerstandskraft  doch  noch  lebendig  war,  die  ferner
der  Regierung  für  eine  kräftige  und  lluge  Polltik  einen  Rückhalt  bot,  und  dle
endlich  nach  Möglichkelt  ein  welteres  Herabglelten  auf  der  schiefen  Ebene  der
öffentlichen  Friedensangebote  verhinderte“.  Ein  Politlker,  der  die  schauerllche
Zerrissenhelt  des  deutschen  Volkee  nlcht  anders  zu  bekämpfen  wußte,  als  durch
Gründung  einer  neuen  Partei,  hat  dadurch  sich  selber  den  Nachweie  auegestellt,
daß  er  nicht  der  Mann  war,  der,  auf  den  obersten  Führerposten  gestellt,  die
deutsche  Einhelt  neu  hätte  schmleden  können!

Mag  es  lmmerhin  persönliche  Abneigung  gewesen  seln,  was  den  Kaiser
veranlaßt  hat,  von  Bülow  wie  von  Tirpitz  abzusehen  —  daß  er  dadurch  den
politischen  Retter  verkaonnt  und  mattgesetzt  hätte,  das  anzunehmen  llegt  nicht
der  mindeste  Anhaltepunkt  vor.

Es  hat  nun  einmal  nicht  sein  sollen:  das  Fünfundsechzigmill  it,  das
ein  Geschlecht  von  Kriegführern  und  sahs  wie  dle  Sieger  der  bundert
Schlachten  des  Weltkrieges  hervorgebracht  hatte  —  den  großen  politischen
Charakter  hat  es  ulcht  erzeugt.  Derwell  hatten  die  Engländer  ihren  Llopd  George,
die  Franzosen  ihren  Clemenceau,  den  Russen  erstanden  Lenin  und  Trotzki,  die
Rumänen  hatten  wenigstens  ihre  Bratlanu  und  Jonescu,  die  Grlechen  sogar
  noch  einen  Venszelos  —  allee  Gewaltmenschen,  erfüllt  von  sacio  egolsmo
eines  nicht  rechts  noch  linke  schauenden,  entschlossenen  nationalen  Willeno
Dieser  Typus,  der  sich  bel  allen  Bölkern  des  Weltirleges  findet  —  warum
fehlte  er  In  Deutschland?!

Es  gibt  nur  eine  Erklärung:  es  war  etwas  faul  im  ganzen  Aufbau  unserer
politlschen  Erziehung.  Ohne  das  Problem  hier  auch  nur  entfernt  ausschöpfen
zu  können,  sei  meine  Auffassung  wenigstens  angedeutet:  wir  rühmten  uns,  das
Volk  der  Organlsation  zu  seln  —  wir  waren  längst  das  Volk  der  Überorganisation
  geworden.

Wir  waren  stolz  auf  unsere  Erzlehung  —  sie  war  längst  Übererzlehung.
Eigenwüchsige,  eigenwillige,  kampffreudlge  und  elnsamkeitsstolze  Männer  zu
entwickeln  war  keineswegs  das  Sdeal  all  der  olelen  Erzlehungeschulen,  durch
die  der  deutsche  Jüngling  bindurchgepreßt  wurde.  Nicht  auffallen,  nicht  anstoßen,
  korrekt  und  normal  sein,  nicht  aus  dem  Rahmen  fallen,  das  war  das
gehelme  Gesetz  der  deutschen  Erzlehung  geworden...  Männer,  sagt  man,

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