Contents : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreiunddreißigster Jahrgang. 1917. Erster Teil. (58a)

936  Beutsches  Reich.  (Oktober  23.—27.)

kürzeren  oder  längeren  Strecke,  die  uns  noch  von  dem  Gipfel  trennt,  am
dem  der  Preis  eines  ehrenvollen  Friedens  winkt,  wollen  und  werden  wir
uns  von  niemand  übertreffen  lassen.

Ein  ehrenvoller  Friedel!  Kein  Verzichtfriede  nach  all  den  furchtbaren
  Opfern,  die  gebracht  werden  mußten,  kein  Eroberungsfriede,  der  nur
die  Quelle  neuer  kriegerischer  Verwicklungen  wäre,  sondern  ein  Friede,  der
die  Gewähr  der  Dauer  und  eines  auf  gegenseitige  Achtung  und  gegenseitigen
  Vertrauend  beruhenden  Wettbewerbs  der  Völker  Europas  im  Dienie
der  Kultur  und  der  Menschheit  in  sich  enthält.  Möge  der  oberste  Lenker
der  Menschengeschicke  hierzu  seinen  Segen  geben.  (Lebh.  Beif.)

Abg.  Held  (Ztr.)  bespricht  eingehend  die  Lehren,  die  der  Krieg  für
die  deutsche  Politik  nach  innen  und  außen  gegeben  hat,  mahnt  zu  beßeren
Willen  zum  gegenseitigen  Sichverstehen  und  warnt  vor  den  Auswüchier
des  Parteihaders  und  des  konfessionellen  Gegensatzes.  Die  Aufrollung  der
Verfassungsfragen  in  der  gegenwärtigen  Zeit  birgt  eine  große  Gefahr  i#r
die  innere  Einigkeit  und  Geschlossenheit  in  sich.  Es  wird  so  viel  var
Demokratisierung  und  Parlamentarisierung  gesprochen.  Jeder  beruft  uch
auf  das  Volk,  aber  es  fragt  sich,  ob  das  Volk  überhaupt  eine  grundstürzende
Aenderung  will.  Wo  herrscht  jenes  Maß  von  Volksfreiheit,  von  Bolksrechten
  und  sozialer  Fürsorge  wie  in  Deutschland?  Mit  einem  größerer
Einfluß  der  Volksvertretung  in  der  Reichsleitung  und  größerer  Beerrflussung
  der  äußeren  und  inneren  Politik  sind  auch  wir  einverstanden.
Eine  Parlamentarisierung  zur  Aemter-  und  Stellenjagd  lehnen  wir  aber  ab.
Unsere  Ideale  sind  nach  wie  vor  ein  starkes  Königtum,  eine  pflichtbewuße
Volksvertretung  und  ein  modern  vorgebildetes  Beamtentum.  Das  deutsch
Volk  müßte  auf  einem  unbegreiflichen  Tiefstand  der  Sittlichkeit  und  Kue#tur
stehen,  wenn  es  nicht  von  tiefer  Friedenssehnsucht  erfüllt  wäre.  Daß  Deuislands
  Volk  und  Fürsten  zuerst  den  Friedensgedanken  in  die  Oeffentlichtei
geworfen  haben,  gereicht  beiden  für  immer  zur  Ehre.  Auch  die  päostücke
Friedensnote  war  ein  Akt  höchster  weltpolitischer  Bedeutung,  die  wir  m#
tiefster  Dankbarkeit  empfunden  haben.  Den  Versuch  Wilsons,  sich  in  die
innerpolitischen  Angelegenheiten  des  deutschen  Volkes  ein  zumischen,  weiĩta
wir  mit  aller  Entschiedenheit  zurück.  Was  die  Reichstagsresolution  v#
19.  Juli  anbelangt,  so  steht  meine  Fraktion  auf  dem  Boden  der  Frank.
furter  Resolution,  die  einen  ehrenvollen  Verständigungsfrieden  verlang,
der  unsere  wirtschaftliche,  militärische  und  politische  Weiterentwicklung  sichert.
die  Extreme  nach  links  und  rechts  ablehnt  und  einen  Ersatz  der  ungeheuren
Opfer  in  irgendeiner  Form  verbürgt.  Wir  sind  zum  Frieden  bereit.  Zum
Schlusse  gibt  der  Redner  eine  Erklärung  seiner  Partei  ab,  in  der  beiom
wird,  daß  es  bei  der  gegenwärtigen  Haltung  unserer  Feinde  heute  mehr
als  je  gelte,  unsere  unerschütterliche  Entschlossenheit  zu  Kampf  und  Sieg
zu  beweisen;  wie  die  Truppen  draußen  tapfer  und  todesmutig  ihre  Pflich:
erfüllen,  so  muß  auch  in  der  Heimat  alles  Trennende  in  den  Hintergrund
gestellt  werden  und  nur  der  eine,  feste  Wille  zum  Aushalten  und  Durchhalten
  bis  zu  einem  ehrenvollen  Frieden  zum  Ausdruck  kommen.

24.  Okt.  —  Abg.  Dr.  Hammerschwidt  (lib.  Vrg.)  spricht  einleitend
dem  Heere  und  der  Marine  für  ihre  bewunderungswürdigen  Leistungen
wärmsten  Dank  und  rückhaltlose  Anerkennung  aus.  Der  Tauchbootkricg
wird  Englands  Kriegswille  niederzwingen.  Der  Redner  geht  dann  des
näheren  auf  die  Papstnote  ein,  deren  Beantwortung  durch  Leutscalan,  an
manchen  Stellen  kräftiger  und  stärker  hätte  sein  dürfen.  Die  Einmischung
Wilsons  in  innerdeutsche  Angelegenheiten  verbitten  wir  uns.  Das  deutsche
Volk  kann  eine  freiheitliche  Gestaltung  seines  staatlichen  Lebens  und  eine
Vermehrung  seiner  politischen  Rechte  wohl  fordern.  Eine  einseitige  Partei-