Volltext : Fürst Bülows Reden. 1. Band 1897-1903. (1)

242  53.  Minister  Chamberlain  und  das  deutsche  Heer.  —  Der  Dreibund.

Reichskanzler  Graf  von  Bülowig:

Meine  Herren,  der  Herr  Vorredner  hat  in  seinen  Ansführungen
eine  Aeußerung  berührt,  welche  vor  einiger  Zeit  ein  englischer  Minister
über  das  Verhalten  unseres  Heeres  im  deutsch-französischen  Kriege  gemacht
hat.  Ich  glaube,  wir  werden  alle  darüber  einig  sein,  und  ich  meine,  es
werden  auch  alle  verständigen  Leute  in  England  mit  uns  darüber  einig
sein,  daß,  wenn  ein  Minister  sich  gezwungen  sieht,  seine  Politik  zu  rechtfertigen
  —  das  kann  ja  vorkommen

(Heiterkeit)

—,  daß  er  dann  wohl  daran  tut,  das  Ausland  aus  dem  Spiel  zu  lassen.

(Sehr  richtig!)
Will  er  aber  doch  fremdländische  Beispiele  heranziehen,  so  empfiehlt  es
sich,  das  mit  großer  Vorsicht  zu  tun

(sehr  richtig!);
sonst  läuft  man  Gefahr,  nicht  nur  mißverstanden  zu  werden,  sondern  auch,
ohne  es  zu  wollen  —  wie  ich  im  vorliegenden  Fall  annehmen  will,  und
wie  ich  annehmen  muß  nach  dem,  was  mir  von  der  anderen  Seite  versichert
  wird  —,  fremde  Gefühle  zu  verletzen.  Das  ist  aber  um  so  bedauerlicher,
  wenn  es  einem  Minister  gegenüber  einem  Lande  passiert,  das
mit  dem  seinigen,  wie  Graf  Stolberg  soeben  hervorgehoben  hat,  stets  gute
und  freundschaftliche  Beziehungen  unterhalten  hat,  deren  ungetrübte  Fortdauer
  gleichmäßig  dem  Interesse  beider  Teile  entspricht.

(Sehr  wahrl!)
Es  war  durchaus  begreiflich,  wenn  in  einem  Volke,  das  mit  seinem  ruhmreichen
  Heere  so  innig  verwachsen  ist  wie  das  deutsche  Volk  —  auch  das
hat  mit  mit  großem  Recht  der  Herr  Vorredner  betont  —,  das  allgemeine
Gefühl  sich  auflehnte  gegen  den  Versuch  und  gegen  den  Schein,  den
heroischen  Charakter  und  die  sittliche  Grundlage  unfrer  nationalen  Einheitskämpfe
  zu  entstellen.  Das  deutsche  Hcer  steht  aber  viel  zu  hoch  und
sein  Wappenschild  ist  zu  blank,  als  daß  es  durch  schiefe  Urteile  berührt
werden  könnte!

(Bravol)
Von  so  etwas  gilt,  was  Friedrich  der  Große  einmal  sagte,  als  man  ihm
davon  sprach,  daß  jemand  ihn  und  die  preußische  Armce  angegriffen  hätte:
„Laßt  den  Mann  gewähren,"  sagte  der  große  König,  „und  regt  euch  nicht
anf,  er  beißt  auf  Granit.“
(Heiterkeit.  Sehr  gut!)

1)  Sten.  Ber.  d.  R.-T.,  10.  Leg.-Per.,  II.  Session,  112.  Sitzung,  S.  3209  f.