Bismarcks Befinden. Sein Urteil über kronprinzliche Aufzeichnungen. 407
Allerhöchstdieselben in Gnaden nachsehn, daß die anliegenden Aphorismen über die italiänische
Angelegenheit ¹ auf dem Damenformate meiner Frau geschrieben sind. Heut wieder
hier eingetroffen, beeile ich mich Eurer Moajestät den allerunterthänigsten Ausdruck des
Dankes meiner Frau für die so huldvolle Theilnahme an deren Unfall² zu Füßen zu legen.
Sie ist mit Gottes Hülfe vollständig hergestellt; die noch vorkommenden Nachwehn sind
nothwendige, immer mehr verschwindende Symptome der Arbeit, mit welcher das Blut seine
alten Wege wieder bahnt.
Ich fühle mich sehr viel wohler als vor zwei Monaten. Nur der Schlaf will sich
noch nicht als regelmäßiger Gast einfinden, und wenn keine Aenderung der jetzigen politischen
Windstille eintritt, so bitte ich allerunterthänigst, daß Eure Majestät mir einstweilen noch
die Fortsetzung meines Urlaubs allergnädigst gestatten wollen. Ich hoffe dann für die
Winter-Campagne mit Kammer und Reichstag wieder ganz dienstfähig zu sein und mich
nicht so beschämend oft wie im vorigen Jahre „revier-krank“ zu melden. Die Aerzte wollen
mich noch in ein Seebad schicken; aber ich fürchte, daß ich da nicht dieselbe Ruhe und
Freiheit von den Fesseln des geselligen Verkehrs finden würde wie hier im eignen Hause,
welches ich mit den kühlen Wäldern, die es umgeben, der Gnade Eurer Majestät verdanke.
Ich freue mich politisch, daß Eure Majestät zur Inspektion nach den Herzogthümern gehn
wollen³. Gern würde ich mich dem Allerhöchsten Gefolge anschließen, wenn ich nicht
fürchtete, daß von dem Strudel, in den sich der „General“ begäbe, auch der „Minister“
erfaßt werden würde, so daß es dann mit der Ruhe und Schonung für den Winter ein
Ende hätte.
Meine Frau bittet, daß ich ihre ehrfurchtsvolle Empfehlung Eurer Majestät zu Füßen
lege, indem ich in denjselben Gefühlen verharre
Eurer Majestät allerunterthänigster treugehorsamer
v. Bismarck.
Anlage.
Eigenhändige undatierte Aufzeichnung.
Der Inhalt der Bemerkungen über Italien zerfällt für mich in einen mir schon bekannten
und in einen mir neuen Theil. Der erstere umfaßt die geistreiche und zutreffende
Schilderung der italiänischen Zustände im Allgemeinen in den Nummern 1 bis 5 und 7 bis 9,
die ich, ohne daß mir im Augenblicke gegenwärtig wäre, in welcher Gestalt und auf
wessen Veranlassung sie an mich gelangten, gleich nach der Rückkehr oder sogar schon in
Briefen Seiner Königlichen Hoheit gelesen habe. Ich habe damals denjelben Eindruck
wie jetzt gehabt und mich gefreut über die noch allen Seiten hin richtigen und gediegenen
Beobachtungen, welche von Seiner Königlichen Hoheit so klar zussammengefaßt waren.
Neu dagegen sind mir die unter Nr. 6 und 10 enthaltnen Bemerkungen über
Lamarmora und über die Preußische Legation. Daraus, daß grade diese Eindrücke er st
------------------------ 1 Siehe Anlage.
2 kurz nach der Ankunft in Varzin, am 21. Juni, hatte die Gräfin Bismarck infolge eines unglũcklichen
Falles eines Rippenbruch erlitten. Vgl. R. v. Keudell. Fürst und Fürstin Blsmarck, S.390
3 Vgl. dazu das folgende Schriftstück.