Volltext : Das Staatsrecht der Preußischen Monarchie. Erster Band. (1)

(8.  18.)

3)  die  Befugnis,  für  den  Fall  von  Krieg  oder  Aufruhr  gewisse  Artikel  der  Verfassungsurkunde
  außer  Kraft  zu  setzen1;

4)  die  Befugnis,  die  Auflösung  einer  Stadtverordnetenversammlung,  desgleichen
einer  Gemeinde=  oder  Amtsversammlung  oder  eines  Kreistages,  desgleichen  eines  Provinziallandtages
  durch  Königliche  Verordnung  herbeizuführen?;

5)  das  Gesetz  v.  21.  Juli  1852,  betreffend  die  Dienstvergehen  der  nicht  richterlichen
  Beamten  und  die  Versetzung  derselben  auf  eine  andere  Stelle  oder  in  den  Ruhestand
  3,  hat  dem  Staatsministerium,  außer  anderen  Befugnissen,  auch  die  Entscheidung
über  die  Berufung  gegen  die  Erkenntnisse  der  Disziplinarbehörden  erster  Instanz
(§§.  41  ff.),  sowie  über  Kompetenzstreitigkeiten  der  Disziplinarbehörden  als  solcher
(§.  28)  beigelegt,  desgleichen  über  den  Rekurs  eines  Beamten  gegen  dessen  von  dem
betreffenden  Departementsminister  ausgesprochene  unfreiwillige  Versetzung  in  den  Ruhestand
  (§.  90).“

6)  Das  Gesetz  v.  3.  Juni  1876,  betreffend  die  evangelische  Kirchenverfassung  in
den  acht  älteren  Provinzen  der  Monarchie"  macht  von  der  Genehmigung  des  Staatsministeriums
  die  Ausschreibung  von  allgemeinen  Umlagen  zur  Gewährung  von  Beihilfen
an  ärmere  Parochien  behufs  Befriedigung  dringender  kirchlicher  Bedürfnisse  abhängig,
wenn  solche  Umlagen  drei  Prozent  der  Summe  der  von  den  pflichtigen  Gemeindegliedern
jährlich  an  den  Staat  zu  entrichtenden  Personalsteuern  übersteigen  (Art.  8,  Nr.  2  a.  a.  O.).
Ferner  bestimmt  das  gedachte  Gesetz  (Art.  13),  daß,  bevor  ein  von  einer  Provinzialsynode
  oder  von  der  Generalsynode  beschlossenes  Gesetz  dem  König  zur  Sanktion  vorgelegt
  wird,  durch  eine  Erklärung  des  Staatsministeriums  festgestellt  werden  muß,  daß
gegen  das  Gesetz  von  Staats  wegen  nichts  zu  erinnern  sei;  desgleichen  (Art.  15),
daß  Kirchengesetze,  durch  welche  neue  Ausgaben  zu  landeskirchlichen  Zwecken  bewilligt
werden,  und  die  endgültige  Vereinbarung  zwischen  der  Generalsynode  und  der  Kirchenregierung
  über  die  Verteilung  der  Umlage  auf  die  Provinzen  der  Zustimmung  des
Staatsministeriums  bedürfen,  bevor  sie  dem  König  zur  Sanktion  vorgelegt  werden;  sowie
  auch  (Art.  17),  daß  Kirchengesetze,  durch  welche  die  Einkünfte  des  Kirchenvermögens
oder  der  Pfarrverbände  zu  Beiträgen  für  kirchliche  Zwecke  herangezogen  werden,  der
Zustimmung  des  Staatsministeriums  bedürfen,  bevor  sie  dem  König  zur  Sanktion  vorgelegt
  werden.“

7)  Gemäß  der  Vyg.  v.  3.  Nov.  1817  hat  das  Staatsministerium  über  die  Besetzung
  von  bestimmten  höheren  Beamtenkategorien  zu  „beraten“  (siehe  die  Angabe  oben
S.  250,  Z.  9).  Dazu  kommen  nach  der  neueren  Gesetzgebung  die  Vorschläge  für  Besetzung
der  Stellen  im  Oberverwaltungsgericht?,  des  ersten  Präsidenten  der  Oberrechenkammers,
des  Präsidenten  des  Oberlandeskulturgerichtes  ?,  sowie  der  Mitglieder  der  Ober-Examinations-Kommission
  für  den  höheren  Verwaltungsdienst;  auch  hat  das  Staatsministerium
  für  diese  Behörden  die  Geschäftsregulative  zu  genehmigen.

8)  Die  Ansiedelungs-Kommission  für  Westpreußen  und  Posen  ist  dem  Staatsministerium
  unterstellt.  10

252  Trüger  und  Organe  der  Staatsgewalt.

1  Vgl.  Gesetz  v.  4.  Juni  1851  über  den  Be.  S.  1856,  S.  443);  Kr.  O.  v.  13.  Dez.  1872,
lagerungszustand,  §.  16  mit  §§.  5,  6,  27—30  u.  8.  179  (G.  S.  1872,  S.  709);  Prov.  O.  v.
36  (G.  S.  1851,  S.  451).  Das  Recht,  den  29.  Juni  1875,  §.  122  (G.  S.  1875,  S.  360);

Belagerungszustand  zu  verbängen,  bat  das
Staatsministerium  dermalen  nicht  mehr;  vielmehr
  stebt  dieses  Recht  nach  R.  Verf.,  Art.  68,
ausschließlich  dem  Kaiser  zu.  Nur  die  aus  §.  16
des  Ges.  v.  4.  Juni  1851  sich  ergebenden  Befugnisse,
  ber.  sog.  kleine  Belagerungszustand,  sind
dem  Staatsministerium  verblieben;  s.  hierüber
Laband,  St.  R.,  II,  S.  537  u.  542;  Zorn,
St.  R.,  i,  S.  198,  Anm.  57,  hier  auch  weitere
Litteraturangaben.

:  Vgl.  St.  O.  ö.,  §.  79  (G.  S.  1853,  S.
288);  St.  O.  w.,  §.  81  (G.  S.  1856,  S.

263);  St.  O.  rb.,  §.  86  (G.  S.  1856,  S.  433);
L.  G.  O.  w.,  §.  82  (G.  S.  1856,  S.  290;

Gesetz  v.  15.  Mai  1856,  betr.  die  Gemeindeverfassung
  in  der  Rbeinprovinz,  Art.  28  (G.

hobenzollernsche  Amts=  und  Landes-O.  v.  2.  April
1873,  §.  84  (G.  S.  1873,  S.  167).  Vgl.  dazu
Schön,  Recht  der  Kommunalverbände,  S.  339,
353,  396,  430,  *

*  G.  S.  1852.  .  465.

*  Vgl.  dazu  unten-  im  Beamtenrecht.

*  G.  S.  1876,  S.  125,  134.

*  Vgl.  hierüber  Zorn,  Lehrb.  d.  Kirchenrechts,
  S.  442  ff.;  Friedberg,  Verfassungsrecht
  der  evang.  Kirche,  S.  91  ff.

7  Ges.  v.  2.  Aug.  1880,  88.  18,  26  u.  30.

8  Ges.  v.  27.  März  1872,  88.  2  u.  7.

*  Ges.  v.  18.  Febr.  1880,  8.  2.

10  Ges.  v.  26.  April  1886,  §.  12,  dazu  Vdg.
v.  21.  Juni  1886,  8§.  4,  6,  10,  11,  13—15.