Full text : Geschichte des deutsch-französischen Krieges 1870 und 1871.

58  Uebergang  über  die  Vogesen.

7.  und  8.  August  passirten  durch  Petersbach,  welches  6  Meilen  vom
Schlachtfelde  bei  Wörth  entfernt  liegt,  französische  Regimenter  auf  der
eiligsten  Flucht  und  in  völliger  Auflösung.  Kaum  die  Hälfte  der  Leute
war  noch  bei  einander,  und  die  Soldaten  erklärten  ihren  Offizieren
unter  Drohungen,  daß  sie  nicht  mehr  gegen  den  Feind  marschiren
würden.  Die  Offiziere  waren  nicht  im  Stande,  den  Widerstand  ihrer
Untergebenen  zu  brechen,  und  es  blieb  ihnen  nichts  weiter  übrig,  als
sich  den  Fliehenden  anzuschließen,  welche  in  zwei  Kolonnen  über  Bitsch
und  über  Hagenau  retirirten.  Ein  Theil  dieser  flüchtigen  Truppen
ging  bis  Belfort  und  wurde  von  dort  mit  dem  Korps  Douai  auf  der
Eisenbahn  nach  Chalons  gebracht.  Einige  schwere  Kavallerie-Regi—
menter,  die  in  den  letzten  Stunden  der  Schlacht  vom  6.  August  bei
Fröschweiler  so  furchtbar  gelitten  hatten,  und  welche  meist  aus  Be—
wohnern  des  Elsaß  bestanden,  lösten  sich  völlig  auf,  und  die  Mann—
schaften  suchten  in  ihre  Heimathsorte  zurückzukehren.

Dieje  unglaubliche  Demoralisazion  einer  Armee,  welche  sich  zu
allen  Zeiten  für  die  beste  der  Welt  ausgab,  ist  erklärlich.  Die
französischen  Offiziere  hatten  ihren  Truppen  ja  stets  die  bestimmte  Ver—
sicherung  gegeben,  daß  die  Deutschen  von  ihnen  glänzend  geworfen
werden  würden.  In  ihrer  Sorglosigkeit  war  die  französische  Militair—
verwaltung  so  weit  gegangen,  daß  sie  nicht  einmal  die  der  Ostgrenze
zunächst  gelegenen  Festungen  in  Vertheidigungszustand  gesetzt  hatte.
Das  Glacis  von  Straßburg  und  Metz  wurde  erst  geräumt,  als  beide
Festungen  schon  zernirt  waren.  Die  kleine,  aber  nicht  unwichtige
Festung  Lützelstein  wurde  von  den  preußischen  Truppen  verlassen  ge—
funden,  die  Verpallisadirung  war  kaum  zur  Hälfte  vollendet,  Massen
von  Quadersteinen  lagen  unbenutzt  da.  Und  doch  hatte  der  General
de  Failly,  der  am  7.  August  die  Festung  inspizirte,  der  300  Mann
starken  Besatzung  den  Befehl  ertheilt,  sich  bis  aufs  äußerste  zu  ver—
theidigen.  Die  Schar  war  aber  trotz  dieses  Befehles  davongegangen.
Die  kleine  Festung  Lichtenberg  machte  einen  schwachen  Versuch,  sich  zu
vertheidigen,  ergab  sich  jedoch  bald  dem  1.  würtembergischen  Jäger—
bataillon.  Pfalzburg  vertheidigte  sich  tapfer,  war  aber  von  gar  keiner
Bedeutung.

Durch  keinerlei  Widerstand  aufgehalten,  setzten  die  Truppen  der