Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Vierter Jahrgang. 1888. (29)

Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Juli  Mitte.)  111

bedeute  nichts  anderes  als  die  verblümte  Erklärung,  mit  dem  Freisinn  gegen
die  Konservativen  zu  marschieren.

Gegen  diese  Auslassung  wendet  sich  die  „Nordd.  Allg.  Ztg.“
in  einem  längeren  Aufsatz.  Sie  sagt:

Der  Umstand  allein,  daß  die  nationalliberale  Parteileitung  die  Erneuerung
  des  für  die  letzten  Reichstagswahlen  abgeschlossenen  Kartells  für
die  Landtagswahlen  bisher  beanstandet  hat,  kann  unseres  Dafürhaltens  eine
genügende  Erklärung  für  das  Auftreten  des  Herrn  v.  Rauchhaupt  nicht  abgeben,
  zumal  bisher  aus  keinem  Wahlbezirke  verlautet  hat,  daß  die  Nationalliberalen
  den  Konservativen  das  Mandat  streitig  zu  machen  versucht  hätten,
während  das  Umgekehrte  von  verschiedenen  Seiten  berichtet  worden  ist.  Wir
können  daher  die  Stellungnahme  des  Herrn  v.  Rauchhaupt  nur  auf  die
Haltung  zurückführen,  welche  er  bei  den  noch  in  frischer  Erinnerung  befindlichen
  Verhandlungen  über  das  Schullastengesetz  eingenommen  hat.  Es  konnte
keinem  unbefangenen  Beurteiler  entgehen,  daß  das  Verfahren  des  Herrn
v.  Rauchhaupt  schon  damals  dazu  führen  mußte,  zwischen  die  drei  Parteien,
welche  bisher  in  fast  allen  wichtigen  Fragen  zusammengestanden  hatten,  einen
Keil  zu  treiben  und  die  konservative  Partei  von  neuem  in  das  Lager  des
Zentrums  herüberzuführen.  Der  Versuch  mißlang,  da  bei  der  entscheidenden
Abstimmung  die  weitaus  größere  Anzahl  der  Konservativen  ihren  Führer
im  Stich  ließ  und  in  Gemeinschaft  mit  den  Freikonservativen  und  Nationalliberalen
  das  stark  gefährdete  Gesetz  glücklich  unter  Dach  und  Fach  brachte.
Es  scheint  fast,  als  ob  Herr  v.  Rauchhaupt  den  jetzigen  Augenblick  für  geeignet
  hält,  den  mißlungenen  Versuch  zu  erneuern  und  sich  der  ihm  unbequemen
  Bundesgenossenschaft  der  nationalliberalen  Partei  zu  entledigen.  Hierfür
  spricht  insbesondere  die  freudige  Zustimmung,  welche  das  Vorgehen  des
konservativen  Führers  bei  der  „Germania“  und  der  „Kreuzzeitung“  gefunden
hat.  Ruft  doch  letztere  mit  Frohlocken  aus:  „Wo  ist  im  Abgeordnetenhause
noch  ein  gemeinsamer  Boden  für  ein  ersprießliches  Zusammenwirken  der  konservativen
  und  der  nationalliberalen  Partei?"

Wir  verzichten  darauf,  mit  der  „Kreuzzeitung“  über  die  Nützlichkeit
und  Notwendigkeit  des  Kartells  in  Erörterungen  einzutreten.  In  kleinlicher
Parteipolitik  befangen,  hat  dieses  Blatt  schon  längst  den  Blick  für  die  wahren
Interessen  des  Vaterlandes  verloren.  Das  Bündnis  mit  dem  jeder  staatlichen
Autorität  widerstrebenden  Zentrum  ist  seiner  politischen  Weisheit  letzter
Schluß  und  in  tiefgewurzeltem  Hasse  gegen  alle,  die  nicht  ihren  spezifisch
kirchlichen  Standpunkt  teilen,  scheut  die  „Kreuzzeitung“  nicht  davor  zurück,
zur  Bekämpfung  der  nationalen  Elemente  in  der  Provinz  Hannover  auf  die
Hilfe  der  Welfen  zu  rechnen,  trotzdem  dieses  Liebeswerben  auf  seiten  der
letzteren  nur  Spott  und  Hohn  gefunden  hat.

Anders  verhält  es  sich  mit  Herrn  v.  Rauchhaupt.  Herr  v.  Rauchhauft
  ist  der  anerkannte  Führer  der  konservativen  Partei  im  Abgeordnetenhause.

  In  dieser  Eigenschaft  liegt  ihm  die  Verpflichtung  ob,  die  Auffassungen
nicht  eines  kleinen  Bruchteils,  sondern  der  Gesamtpartei  zu  vertreten.  Die
Auffassung  der  konservativen  Partei  in  ihrer  Totalität  geht  aber  nicht  dahin,
  mit  der  nationalliberalen  Partei  zu  brechen,  sondern  im  Gegenteil  mit
derselben  zu  einer  Verständigung  zu  gelangen.  Wenn  daher  Herr  v.  Rauchhaupt
  im  Widerspruche  hiermit  in  seiner  neuesten  Veröffentlichung  offenkundig
  dazu  beiträgt,  die  naturgemäß  zwischen  verschiedenen  Parteien  vorhandenen
  Gegensätze  bis  zu  einer  unüberbrückbaren  Kluft  zu  erweitern,  so
kann  er  nicht  als  der  berufene  Vertreter  der  konservativen  Partei  angesehen
werden.

Die  „Kreuzzeitung“  bezeichnet  die  Äußerung  der  „Nordd.