Der staatliche Entwickelungsgang in Hellas. 207
der Uebermacht der Persischen Könige zu erwehren, denen Großstaaten, wie
Aegypten und Babylonien, bereits Jahrhunderte zuvor erlegen waren; damit
wird der zur weltgeschichtlichen Wahrheit für alle internationalen Beziehungen
der Folgezeit so bedeutsam gewordene Lehrsatz erwiesen, daß in seiner ungetrübten
Reinheit der freistaatliche Geist des Staatsbürgerthums selbst dann
stärker ist, als das Eroberungsgelüste der auf rohe Gewalt oder theokratischen
Einfluß gestützten Despotie, wenn diese über den blinden Gehorsam von Millionen
verfügt, wie andererseits das Barbarenthum über die sittlich und politisch
verfallende, aber intellectuell verfeinerte Cultur durch seine Menge zu siegen
pflegt.
In einer zweiten Epoche zwischen dem Ausgang der Perserkriege und der
Makedonischen Eroberung ersteigt der Hellenische Geist auf allen Gebieten seiner
Bethätigung den für ihn überhaupt erreichbaren Höhepunkt wirthschaftlich nationaler,
intellectueller und künstlerischer Gesittung. Aber der herrschend gewordene
Gegensatz der beiden um die Hegemonie ringenden Gemeinwesen von
Athen und Sparta verzehrt im Peloponnesischen Kriege die politische Gestaltungskraft
der Nation und begründet in der Philosophie eine kritisch menschheitliche
Gedankenrichtung, die auf Hellenischer Seite deswegen ein Gegenstück
zu dem späteren Israelitischen Prophetenthum darstellt, weil sie den Rückgang
des staatlichen Lebens aus einem allgemein waltenden Sittengesetze und dem
Anerkenntniß der Volksverschuldungen zu begreifen suchte. Durch inneren Zwist
entkräftet und erschöpft, verfällt endlich das freistaatliche Hellenenthmm der
Oberherrschaft des Makedonischen Zwingherrn, der aber seinerseits selbst ein
Vasall Hellenischer Ideenherrschaft war.
Einen dritten Zeitraum leitet die Begründung Makedonischer Weltherrschaft
in Asien und Africa ein. Es ist diejenige Epoche, welche man als das
Zeitalter des Hellenismus bezeichnet. Der politische Verfall des Griechischen
Staatswesen, unvermeidlich wie er geworden war und allen Reconstructionsversuchen
trotzend, vermittelt gleichzeitig die räumliche Ausdehnung der
Hellenischen Gedankenwelt. Im großartigen Maßstab vollzieht sich die Colonisation
Griechischer Ideen auf dem Boden des Orients.
Im dritten Jahrhundert endlich geriethen die Völkerschaften des alten
Hellas in Berührungen mit den Römern, deren kriegerische Ueberlegenheit das
endliche Schicksal derjenigen entschied, deren Gemeindestaaten nach der Makedonischen
Eroberung ein schattenhaftes Dasein bewahrt hatten. Die Geschichte
der Griechen schließt mit ihrer Einverleibung in den Römischen Provinzialverband
(146).2) Die historisch berechenbare Zeit staatlichen Daseins umfaßt somit
seit der Wanderung der Herakliden einen Zeitraum von etwa achthundert
Jahren — wenig im Vergleich zu den Jahrtausenden Aegyptischer Dynastien,
aber unvergleichlich reich an Hervorbringungen des edelsten Geistes, daher in
Wahrheit das Jünglingsalter der Menschheit.